2.

Wir huschten aufgeregt über Schleichwege hinunter in Tal. Durch die Unterführung und rechts am Bahngleis entlang, erreichten wir den Bahnhof. Menschenleer und hell-erleuchtet lag er vor uns. Ein Stück hinter dem Bahnhof lief die Stadt in wenigen Mietshäusern und den Anlagen einer großen Gärtnerei aus. Danach nur noch eine leidlich asphaltierte Straße zwischen Bahngleis und Fluss. Auf halber Strecke hinaus endete die Beleuchtung, vor uns lag der Weg von einem Kilometer im Schwarz der überhängenden Äste der Bäume zu beiden Seiten. Die Geräusche des Tages, das Mähen, Klappern, die Arbeit der Landmaschinen und Abrissbirnen fand sein Echo im Strom des Flusses, dessen Rauschen uns bei Nacht gewaltig erschien.

Wir passierten die Gastankstelle und sahen in der Ferne, über die Gleise hinweg das hohe Gebäude der BAG. Nachts erschien es weniger unheimlich als am Tag, wenn in Reihen und Zeilen die viel zu kleinen schwarzen Fenster wie Schießscharte aus Kriegen einer vergangenen Zeit die Gebäudewand durchmaßen. Dort werden Menschen in einer alten Zeit festgehalten, eingesperrt, so wollte es mir als Kind erscheinen. Grausamkeit war wohl existent, nahm damals in meiner Vorstellung von der Gegenwart jedoch keinen Platz ein.

Schließlich erreichten wir das Gemeindehaus. L-förmig lag es an der Straße. Dahinter eine weite Feldwiese, der Fluss und weithin kein Licht. Die Großen, das wussten wir, saßen im Zimmer mit dem weißen Polstersesseln, das zur Rückseite des Hauses hinausgeht. Wir schlichen also an der Hauswand entlang, immer dort, wo uns der Bewegungsmelder der Außenbeleuchtung nicht erreichen würde. Die Rolläden der bodentiefen Fenster waren ganz heruntergelassen, doch durch die Ritzen drang Licht. Ein Eindringen ins Haus war nicht möglich, sie hatten gewiss alle Türen verschlossen. Um auf uns aufmerksam zu machen, rüttelten wir an den Rolläden und rannten kreischend vor Irrsinn davon. Zu diesem Zeitpunkt, so dachten wir, hätten sie uns längst im Verdacht und wollten den eigentlichen Grund unserer Expedition, den großen Schreck, bereits aufgeben, da gingen im vorderen Teil des Hauses, in der großen Vorhalle, dort wo das L seinen Knick hat, die Lichter an. Wir beratschlagten, ob wir uns einfach wieder aus dem Staub machen sollten, da kamen sie, alle fünf sehr nahe an die große gläserne Eingangstür. Sie blickten sehr deutlich in unsere Richtung. Wir standen im Halbdunkel der Außenbeleuchtung, zwischen Büschen, am Ende des kürzeren L-Striches und hielten uns die Bäuche vor Aufregung. Aufgehuschte Insekten warfen im Flug um die Lichtquellen über der Eingangstür hektische Schatten an die Hauswand. Ich ging kurzeschlossen zu Boden, die Taschenlampe auf mein Gesicht gerichtet und kroch so, halb auf allen Vieren, über den gepflasterten Vorplatz der gläsernen Eingangstür zu.

Erst jetzt wurde ich der Vorgänge hinter der Glasscheibe gewahr. Während E. in Panik sich um seine eigene Achse drehte, wild mit den Armen rudernd sich für keinen Weg entscheiden konnte, als würde er am liebsten in sich selbst verschwinden, Zuflucht suchen in sich selbst, hatten die anderen Drei das Weite gesucht. Wie jemand, der von der Tatsache seines eigenen Unglücks überwältigt, neugierig sein Unglück kennenlernen mag, stand D., mein Cousin, vielleicht auch strategisch planend, bewegungslos vor der Glastür, seine Hände in den Hosentaschen vergraben. E. wieder, schrie entsetzliche Würgelaute. Sofort richtete ich mich auf, ruderte entschuldigend mit den Armen und bemühte mich, meinen Körper, die Tatsache meines menschlichen Wesens, meiner Berechenbarkeit und Harmlosigkeit zu erklären und näherte mich weiter vorsichtig der Tür. Da, endlich, ging auch das Hauptlicht an und meine Gestalt stand im gnadenvollen Licht des Erkennens. Der Schreck, den mein Gesicht als das Abbild des Bösen und der Bedrohung auf die Gesichter meiner Opfer geworfen hatte, kam so heftig zu mir zurück, dass ich mich unweigerlich umblicken musste, ob sich nicht eine noch viel grässlichere Gestalt hinter mir, wie ein Schatten aus der Dunkelheit ins Licht geschlichen hätte.

Als der Schreck sich eine halbe Stunde später etwas aufgelöst hatte und wir einander wieder in die Augen sehen konnten, berichtete man uns, dass vor einigen Stunden eine Warnung im Radio ausgegeben worden war. Zwei verurteilte Straftäter waren aus einer Haftanstalt ganz in der Nähe ausgebrochen. Sie mussten als gewalttätig eingestuft werden.

 

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8.8.17 15:12
 


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