1.

Dieses geschah an einem warmen Sommerabend im jungen, neuen Jahrtausend. Wir saßen wahrscheinlich auf dem Balkon im Obergeschoss auf dem ausrangierten Sofa und hatten die Beine über das Geländer gelegt. Wir, das waren meine Cousinen A. und O. und ich. Uns war langweilig. Zwischen den Sprossen beobachteten wir, wie der Horizont über dem Tal nach inniger Glut langsam verblasste, sich blau und schließlich dunkel färbte. Die Großen hatten uns nicht mit ins Kino genommen. Aus dem Alter, in dem man mit Puppen spielt, waren wir längst heraus. Auch Monopoly und Phase 7 interessierten uns nicht. A. hatte nach dem Abendessen begonnen, uns mit den Schminksachen meiner Schwester anzumalen. Sie hatte vor den Sommerferien in der Maske für ein Schulmusical mitgewirkt und dabei echte Fähigkeiten entwickelt. O. schminkte sie hübsch und mir malte sie eine rohe Maske ins Gesicht. Als sie fertig war, lagen meine Augen tief in dunklen Höhlen, Stirn und Wangen glänzten weiß, der Mund war weiß übermalt, lautlos und blutleer und jagte den beiden und selbst mir im Spiegel einen Schrecken ein. Im Erkennen der eigenen Züge als Gerüst der fremden Fratze wurde das Böse leibhaftig. Meine Haut unter der Schminke spannte unangenehm, ich gab den Tag auf und war schon auf dem Weg ins Badezimmer, um das Gesicht zu waschen und die Zähne zu putzen, doch beim Anblick meines Gesichtes im Spiegel erschien mir das als Verschwendung. Wir wussten, dass sich die Großen nach dem Film noch im Gemeindehaus zusammensetzen, Tee trinken und einfach besonders sein wollten, das heißt: ohne uns. Vielleicht eine Schnapsidee aber wir betranken uns an ihr und tranken uns Mut an. Der Beschluss verlieh uns ungeahnte Freiheit. Wir waren zu dritt, wir hatten Beine, Füße, Augen und die Distanz, die asphaltierte Straße ein ganzes Stück aus der Stadt heraus, am Fluss entlang, schrumpfte. Wir kannten den Weg am Tag, wir mussten nur das Tor zur Nacht aufstoßen. Kaum eine ganze Stunde nahm der Weg in Anspruch. Das musste es wert sein. A. malte mir roten Lippenstift auf die Zähne, das Resultat machte jeden Zweifel hinfällig. A. und O. wagten nicht, die Augen von mir zu lassen, als bestünde die Gefahr, dass mein Gesicht sich in einem unbeobachteten Moment über mich selbst hermachen würde. Wir organisierten Taschenlampen und marschierten zu. Der kindische Charakter unserer Absicht interessierte uns nicht mehr. Wir würden sie erschrecken, wie sie noch nie erschreckt worden waren.

17.7.17 23:20
 


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