Sitzen am Feuersee. Der Wind wischt über den offenen Platz, bricht übers Wasser und zieht dessen Kälte als grauen Schleier über das Pflaster. Im Genick, an den Knöcheln baut er sein Nest aus feuchtkalten, fiebrigen Spänen. Die Hitze der letzten Wochen erscheint wie ein anderer, böser Traum. Überhaupt, Träume. Was mich nun am Tage nicht mehr plagt, sucht mich nächtens heim: das Kind verschwindet und ich finde es nicht. Aber wenn auf der Erde sich nichts hinter einer unsichtbaren Wand verstecken kann, dann muss das Kleine doch irgendwo sein und diesen Ort, den suche ich und mein Verstand verirrt sich in der Menge der Möglichkeit. Komme in panische Eile, verlange wütig Auskunft, werde gewalttätig. Der Wahnsinn, der aus dem Abgrund hinaufgrinst, der Grusel, wenn man hinunterblickt. Denn ich höre ihr wohliges Grummeln ja in der Dunkelheit, ganz nah bei mir. Auch wenn der Traum sie vor mir verborgen hält, wenn sie dort vielleicht gar nicht existiert, im Licht des Morgens werd ich sie finden, in ihrem Bettchen, dort wo sie schlafen legte. Eine Frau betritt den Platz. Sie ist gerade noch beschäftigt mit einem Reiseführer in der Hand und blickt dann auf, voller Begeisterung mit Blick über den See auf die Kirche: wahnsinn, toll! Das sieht ja genauso aus wie auf dem Bild. Ihr Begleiter, postiv ungerührt, er sieht seine Erwarungen bloß erfüllt, lutscht weiter an seinem Eis. Im See lauern Schildkröten als Bojen, die keine Richtung weisen, verschwinden, verrutschen auf dem glatten Spiegel, der keine Eindeutigkeit erlaubt. Du kannst dir Orte nicht erträumen und fremde Worte nicht erraten. Je zwei rote blinde Punkte starren aus dem grünen Panzerleib.

3.7.17 15:08
 


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