Bei ihrem ersten Besuch und nach gegenseitiger Vorstellung, als wir einander am Wohnzimmertisch gegenübersaßen, zwischen uns die Gläser, das Wasser auf gewachstem Holz, da hatte ich den Eindruck, ihr Blick meide den meinen aus Unsicherheit. Welcher Art diese Unsicherheit hätte sein sollen, darüber gab es nicht einmal Vermutung. Ihr Blick als Vorhut der Handfläche, die sodann im Riss auf der Holzplatte einen Widerstand sucht und schließlich den Finger entsendet, wo möglich, raue Späne zu lösen. Keine Unsicherheit, dachte ich, ein eigenartiger Tatendrang? Ihr Blick auf der Raufasertapete hinter mir. Was hat sie dort nur vor? An den Pflanzen auf der Fensterbank, am Putz der Hauswand gegenüber, zurück zu ihren Fingern, nun gespreizt auf der Tischplatte, umfassend das Glas und schließlich doch: mein Gesicht. 

Im Schlafzimmer findet ihr Blick das Buch auf dem Nachttisch und weicht nicht von seinem Cover, bis die alten Augen den Titel im Halbdunkel, aus der Entfernung, die schwarze Schrift auf dunkelrotem Grund, entziffert haben. Der menschliche Makel von Roth. Ohne die Möglichkeit unangebrachter Neugierde abzuwägen oder vielleicht daraufhin: sie habe das Buch auch gelesen! Das verstehe ich. Dass es jedoch statt der unglaublichen Gesichte eines Coleman B. Silk, die Leichtigkeit, die der Ehrgeiz über seine Biographie wirft, die Ungerechtigkeit der Tugend, ihre dramatische Ironie. Die Last, die der Ehrgeiz der Delphine Roux über sein Alter wirft, den düstersüßen Ort der Besessenheit. Dass sie statt all dieser Versuchungen des Schicksals nun ohne zu Zögern und alleine die Figur des Veterans und seiner Höllenqualen als Referenz für ihre Begeisterung zitiert, das wundert mich dann doch. Spätestens seit Full Metal Jacket oder Apocalypse now sind Soldat und Veteran doch nur noch Stereotype, dachte ich. Das Leid derer, die ohnehn verloren sind, ist bloß das Beiwerk für die, die da lieben und sparen und sündigen, es interessiert nicht mehr. Wenn der Schaden unvermeidlich ist, was kümmern die genauen Umstände, dachte ich. Mir fiel also nichts Dümmeres ein, "ich schätze den Autor sehr", sagte ich und schob meine Brille auf der Nase hoch.

22.5.17 09:49
 


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