Februar 2011

Wenn in einer Sommernacht von Fern das Rauschen eines Zuges ins Zimmer weht, wo man unter einem leichten Laken liegt und meint, der Weite des Alls, dem Klang im hohlen Schädel zu lauschen, an dessen endloser Wölbung der Zug entlangrauscht, da hat diese Vorstellung von herrlicher Größe und planloser Unendlichkeit nichts gemein mit der Pritsche im Schlafwaggon eines D1249 von Berlin Ostbahnhof nach Minsk, Ankunft 11:14 Ortszeit.

Fieber in Polen. Das Coupé lässt sich nur über den Durchgang lüften und nachts sind die Türen verschlossen. Im Raum hängt schwer der Geruch von Knoblauch und Hähnchen. Ich konnte alle Einladungen zum Verzehr des mitgeschleppten Proviants meiner Mitreisenden abschlagen, wenn auch nicht immer elegant. Ich lege meine Stirn an die Trennwand zum nächsten Coupé, auch sie ist heiß, der Zug fiebert. Ich stelle mir mein Gesicht tiefrot in der Dunkelheit vor. In Berlin kaufte ich mir noch ein Fieberthermometer, es zeigte keine erhöhte Temperatur an, jetzt, kaum sechs Stunden später funktioniert es nicht mehr. Ich schätze mein Blut kocht.

In Minsk überall Pelze und Felle. Das schreibe ich später auf eine Postkarte. "Minsk - das Paradies für PETA-Aktivisten, wenn sie es denn länger als eine halbe Stunde im Freien aushalten!" Bezüglich warmer Kleidung ist nirgends ein Provisorium zu sehen, selbst die Stiefel sind sauber und die Absätze irre hoch. Bei diesem Anblick ist es schwer vorstellbar, dass es auch warme Tage gibt in Minsk, vielmehr müsste es das ganze Jahr über eisig sein, so vorbereitet wie man ist. Ein Arrangement mit der Kälte.

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Glaube, sie glaubt: An die große Liebe, an Geister und irgendwie auch an Gott, paradoxerweise hat sie keine Hoffnung.

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Jedenfalls sind wir den nächsten Tag im Museum für Belarussische Kunst gewesen. Heraus kam ich mit der erstaunlichen Erkenntnis, dass mir Kunst oder Ausstellung lang nicht mehr lästige Pflicht sind, wie sie es vor ein paar Jahren noch waren. Ich habe mich ja gescheut irgendwo hineinzugehen, besonders in Kirchen, weil ich nicht ertragen konnte, etwas speziell zu betrachten, das im Allgemeinverständnis als "besonders" gilt und das ich gleichzeitig mit eigenen Augen der Profanität (hier Vergänglichkeit) unterliegen sehe. Losgelöst von der obligatorischen Fragestellung danach: "und jetzt?" habe ich die reine Freude des Betrachtens aus Kindertagen wiedergewonnen. Dabei kommt es mir dann nicht einmal mehr auf Qualität an. Das Belarussische Zentralmuseum für Kolossale Kunst jedenfalls hatte alles und jeden an der Wand. Antike Motive neben Amateurkunst. Gemälde von Mädchen im Neunzigerlook. Die Aufseherinnen essen Drijaniki mit Schmand. Welch ein Fest!

Im Kriegsmuseum: Ärztebesteck, halb verkohlt, Ampullen, Brillen, Spritzen, Fläschchen mit Arznei, ordentlich in einem Köfferchen geordnet. Auch Handschellen und Panzer.

Günstig sind Taxifahrten. 10 000 Rubel für zwei Kilometer. Das sind etwa 2,50 Euro. Metro- und Busticket 700 (ca. 17 Cent). Wird man ohne Ticket erwischt, zahlt man 6000 Rubel (errechne man sich selbst.) Für umgerechnet 8 Euro gibt es im Restaurant ein Bier, Hauptgang mit Salat und hinterher noch Kaffee und Dessert. Dafür zahlt man für ausländischen Kaffee im Supermarkt doppelt, was Kaffee im Allgemeinen zu einem begehrten Gastgeschenk aus dem Westen macht. Ein Mitbringsel für eine Unterschrift. Drei Unterschriften braucht man für die Übernachtung im Wohnheim. Eine davon vom Dekan: "Ich bin Diplom-Ingenieur und habe drei Jahre in Dresden studiert," sagt er, "mein Deutsch reicht, um mit Mädchen und Frauen zu reden," er zwinkert. Ich nicke und grinse. "In Amerika haben sich alle Schurken zusammengetan und einen Staat gegründet!" Ich lache. (виза мы больше ни открываем, würd ich denken, wär ich Sachbearbeiterin in der deutschen Botschaft.)

Als die kleine, runzlige Frau am Bahnhof mir mit ihren Händen vor dem Gesicht herumfuchtelte, dachte ich zuerst: Oh nein! Sie verflucht mich! Die Rückbesinnung auf meinen Status als Lichtsoldat ließ mich jedoch gleich umdenken: Sie hat keine Angst.

Ich sags keinem, aber nachts sing ich in mich hinein: Was betrübst du dich meine Seele und bist so unruhig in mir.
Bei Anruf Angst. Vor schlimmen Nachrichten, vor Atom, vor Macheten, vor Kanonen, vor wilden Passanten, vor alten Frauen und ihren Flüchen und Partys. [...]

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In Minsk, es kann nicht später als 20 Uhr gewesen sein, standen wir vor einem der sanierten Hochhäuser gegenüber vom Dinamo Stadion und versuchten uns hilflos an der Gegensprechanlage. Was mir bekannt vorkam, als Gedanke - selbstverständlich nicht als Erfahrung - war der Wechsel der Umgebung beim Austritt aus dem Lift, beim Eintritt in die Wohnung. Einem Mann in Pelzmütze, gewiss ein Funktionär oder mindestens Geschäftsmann, fiel eine Flasche Wodka vor der Haustür auf den Boden. Tag der Vaterlandsverteidiger und der Vater lässt den Wodka draußen liegen. Soll man sich vielleicht mit Gurkenwasser betrinken! Ich mochts gar nicht, aber konnte auch nicht anders, als mir das Elend eines beschissenen heuchlerischen Feiertags unter einem beschissen heuchlerischen Regime vorzustellen. Da kommt der Mann heim und sie nimmt ihm Rollmops, Konfekt und Kaviar aus der Hand, dann ist die Plastiktüte leer. Sie sieht auf seine leeren Hände: что случилось - was ist passiert? водку ни купил? разве забыл - ха? Hast du keinen Wodka gekauft, hast du den etwa VERGESSEN? Und dann muss man nüchtern bleiben. Nüchtern bleiben - klingt wie ein Urteil. Studieren, irgendwie leben, arbeiten, einander nüchtern interessant finden - ein Urteil. Das Glück liegt im Supermarkt, ein ganzes Regal voll von vielversprechender Konversation und Selbstakzeptanz. In Minsk, in diesem Hochaus, dessen Flure genauso zugeschissen wie kollektiv hergerichtet herkamen, lichtete sich im Eintritt in eine Wohnung der westliche Standard - vielleicht so, wie er in den Hotels rund um Antalya für die Touristen hergerichtet ist - mediterran eben. Der Spülkasten noch nicht in die Wand verputzt, aber funktionstüchtig.

Der Funktionär gräbt sich ja auch tags durch die Scheiße und abends - das kann er sich leisten - geht er heim. Der reichste und kultivierteste Mensch versteht, dass es auf der Straße dreckig zugeht, er kapiert, dass wegen einer Baustelle baufällige Rampen zu überqueren sind, auch, dass er sich staubig macht, dabei. Das wollte ich sagen: hier ist es auch nicht anders. 
3.5.17 22:31
 


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