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Juni 2017. TV-Experte

21.6.17 12:29


Guck an - Arcade Fire auch. Man sagt immer, die Zeit geht so schnell vorbei. Abgesehen davon, in welchen Dimensionen das eine relevante Beobachtung sein soll - jeder Abschnitt, wenn man ihn mit einer Tätigkeit gleichsetzt, nimmt unheimlich viel Zeit in Anspruch. Das kann man schon so sagen. Aber ich muss ja nirgends hin. Sag ich auch immer. Die Dinge verrichten sich so langsam, dass sie große Bissen von der Zeit nehmen, aber weil sie so wichtig sind und jeder Schritt darin, kein Spiel, kein gewonnenes Lächeln überflüssig ist, vergeht die Zeit so schnell. Das Gegenteil von Zeitvertreib, vom Nagen an der Zeit, wie heißt das, Zeitschlingen?
20.6.17 13:14


Wenn im Übergang vom blauen Dunst der Nacht zum goldschimmernden Morgen der Wolf die müden Augen schließt, der Mann ersteht und seine Bewegungen in Erschöpfungs Dunkelheit nur zu erahnen sind, wenn er einen Kuss von der Tür herwirft und wie verschluckt verschwindet, dann beginnt das, was das Wölfchen glauben machen muss, das Leben sei nicht halb so manchmal-schwer, wie man es vielleicht warnte. Ein Leben um des Lebens Willen.

Und also wächst es. Reibt sich schon die Äuglein, gluckst bisweilen, folgt dem rasselnden Holz. Es wächst auch im Halbschlummer, wenn ich eine "verbotete Dokumentation" über Antisemitismus in Europa betrachte, während ich einen Kaffee trinke, eine Melone esse, während ich grüble über den Unterschied zwischen angeborener Boshaftigkeit und fahrlässigem Unwissen, grüble über der Wäsche, dem Geschirr, den vollen Windeln. Es wächst. So schnell, dass ich grüble, wie man das Wachstum verlangsamen könnte, wo gemäßigte Bahnen, die Lust auf den Morgen, auf die Zukunft nur Narrenfeuer für die Genügsamen sind. Als gäbe es eher oder wenigstens vielleicht ein Zurück, wenn man nur stramm vorwärts schreite, ohne einen Blick zurück, einen Blick auf die Salzsäule. Es wächst und wächst, Wachstum um jeden Preis, verstehe, sonst bricht das System zusammen. Alt-J haben ein neues Album. Die Kleine wächst, während ich stetig und langsam zusammenbreche.

14.6.17 14:26


Es ist wohl nicht von Belang, darf aber nicht unerwähnt bleiben. Naturgemäß kommt die Sprache früher oder später auf den Windelinhalt. Der jeweilige Gesprächspartner geht - aus Erfahrung oder wegen eindrucksvollem Hörensagen - in Vorleistung und schüttelt sich im Schauer lustiger Anwiderung. (Noch) winken wir beschwichtigend ab: halb so wild. Der Gedanke zur Beschreibung des Geruchs und seiner Wirkung, der Farbe und der Konsistenz erschien mir sehr einleuchtend und ich habe ihn dutzendfach in die Welt gebracht, bevor ich nun mich frage, ob es damit nicht doch ein Stück zu weit geht mit Elternstolz und solchen Dingen: ich denke an eine Delikatesse wie die Auster, den Kaviar oder vielleicht Oliven und Kapern, deren Geschmack anfangs sonderbar, vielleicht ungenießbar anmutet, für dessen Fremdheit der feine Gaumen jedoch nach einer Weile ein sehnsuchtsvolles Wiedererkennen entwickelt. Na, mild und nussig jedenfalls. Ob hier die Grenze des Tolerierbaren, des Erzählbaren überschritten und ein Eingriff in die fragile Vorstellungswelt meiner Zuhörer, meiner Leser stattfindet? Ich weiß es nicht, gebe aber zu: es ist mir gleich.

12.6.17 10:57


Der junge Soldat als Sinnbild für unzähmbare duchsetzungswütige Illusion. Nicht umsonst drängte sich mir dieses Bild im Zusammenhang der Trauung meiner Schwester auf. In Stahlgewittern. Hierzu ein Gedanke von vor einigen Tagen, als das Kind wieder völlig erledigt in meinem Schoß lag: in Milchgewittern, die Wände um uns zersprengt von Milcheinschüsslöchern.

Da das Mädchen sich nicht ausdrücklich mitteilen kann, auf Fragen und schon gar nicht auf Rückfragen reagiert, weiß ich nicht mit Sicherheit, ob ihm die Zärtlichkeiten, mit denen ich es überhäufe überhaupt genehm sind. Die Menschen sagen, es sei doch das Normalste von der Welt! Ist es das? Keine Ahnung. Zu welchem Zeitpunkt begann der Zweifel am Guten des Gutgemeinten? Wann geschah es, dass die Absicht mit dem andern sofort einem Übergriff gleichkam? Ich habe eine vage Vermutung und eine verschwommende Erinnerung. Erwartet mich Läuterung? Ich schrieb von Hemmungslosigkeit.

Das Mädchen gleicht einem Schweizer Taschenmesser, das seine Instrumente nach und nach auffächert. Tag um Tag entdecken wir neues Werkzeug: Blicke, Töne, Gesten - dessen Funktion schließlich doch immer die gleiche ist: besinnungslose Verzückung.

3.6.17 07:34


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Mai 2017
26.5.17 19:47


Bei ihrem ersten Besuch und nach gegenseitiger Vorstellung, als wir einander am Wohnzimmertisch gegenübersaßen, zwischen uns die Gläser, das Wasser auf gewachstem Holz, da hatte ich den Eindruck, ihr Blick meide den meinen aus Unsicherheit. Welcher Art diese Unsicherheit hätte sein sollen, darüber gab es nicht einmal Vermutung. Ihr Blick als Vorhut der Handfläche, die sodann im Riss auf der Holzplatte einen Widerstand sucht und schließlich den Finger entsendet, wo möglich, raue Späne zu lösen. Keine Unsicherheit, dachte ich, ein eigenartiger Tatendrang? Ihr Blick auf der Raufasertapete hinter mir. Was hat sie dort nur vor? An den Pflanzen auf der Fensterbank, am Putz der Hauswand gegenüber, zurück zu ihren Fingern, nun gespreizt auf der Tischplatte, umfassend das Glas und schließlich doch: mein Gesicht. 

Im Schlafzimmer findet ihr Blick das Buch auf dem Nachttisch und weicht nicht von seinem Cover, bis die alten Augen den Titel im Halbdunkel, aus der Entfernung, die schwarze Schrift auf dunkelrotem Grund, entziffert haben. Der menschliche Makel von Roth. Ohne die Möglichkeit unangebrachter Neugierde abzuwägen oder vielleicht daraufhin: sie habe das Buch auch gelesen! Das verstehe ich. Dass es jedoch statt der unglaublichen Gesichte eines Coleman B. Silk, die Leichtigkeit, die der Ehrgeiz über seine Biographie wirft, die Ungerechtigkeit der Tugend, ihre dramatische Ironie. Die Last, die der Ehrgeiz der Delphine Roux über sein Alter wirft, den düstersüßen Ort der Besessenheit. Dass sie statt all dieser Versuchungen des Schicksals nun ohne zu Zögern und alleine die Figur des Veterans und seiner Höllenqualen als Referenz für ihre Begeisterung zitiert, das wundert mich dann doch. Spätestens seit Full Metal Jacket oder Apocalypse now sind Soldat und Veteran doch nur noch Stereotype, dachte ich. Das Leid derer, die ohnehn verloren sind, ist bloß das Beiwerk für die, die da lieben und sparen und sündigen, es interessiert nicht mehr. Wenn der Schaden unvermeidlich ist, was kümmern die genauen Umstände, dachte ich. Mir fiel also nichts Dümmeres ein, "ich schätze den Autor sehr", sagte ich und schob meine Brille auf der Nase hoch.

22.5.17 09:49


Die letzten Gespräche mit H. sorgen wieder für kurzzeitige, beinahe schon pflichtbewusste Irritation. Letztlich geht unsere Bekanntschaft über genau das nicht hinaus. Wir sind einander bekannt, wir wissen von der Existenz des anderen und die aberwitzige Dauer dieses Zustandes rechtfertig einzig die Aufrechterhaltung des sporadischen Austausches. Es stellt sich heraus: sogar oder gerade in einer Nichtbeziehung finden Meilensteine große Beachtung. Ähnlich ergeht es mir bei N., während uns beide natürlich viel mehr verbindet. Sie bat mich nun um ein zweites Telefonat innerhalb kürzester Zeit. Auch die kuriose Wiederbegegnung mit M., dieser seltsame Zufall und der damit einhergehende, verträumt-euphorische Austausch von Informationen, der schüchterne Austausch von Bildern. Auf eine schräge Weise erinnert es an einen Flirt. Wir haben da auf einmal etwas, das uns abseits aller menschlichen Unsicherheiten miteinander auf die natürlichste Art verbindet, jedes Wort einer Prüfung auf Relevanz enthebt. Vielleicht bin ich trotz aller Weigerung, irgendwelche Ansprüche oder Forderungen zu stellen, deswegen an anderer Stelle so enttäuscht.

 Zurück zu H.:  die Abfälligkeit, negative Konnotation nannte ich es, seiner Ausdrucksweise zeichnen wieder das Bild von einer Lehmmasse im bleichen Salzteig. Die Andeutung einer unangepassten, geradezu verruchten Persönlichkeit im Deckmantel des konservativen Lebenswandels. Dabei ist es kein Deckmantel, sondern die voraussetzende Hülle, deren Inneres sich zwangsweise nach dem Äußeren richtet. Ein wertloses Wort entwertet seinen Herrn. Ist es also Koketterie, Leichtsinn? Bin ich doch so random, dass mein Eindruck völlig unwichtig ist? Aber aus dieser Position ist wenigstens jede Frechheit und Anmaßung möglich, folgenlos, random. Ich erlaube mir sanften Tadel, schließe jedoch nicht aus, etwas Essenzielles zu übersehen, etwas, dass mir eine schlüssige Auskunft über dieses Rätsel geben könnte.

Update zur Fernsehexpertise: überlege eine Teilnahme beim perfekten Dinner. Für GNTM ist es endgültig zu spät.

20.5.17 10:43


Gratulation zum Muttertag für mich. <3
14.5.17 19:09


Irgendwann im letzten Durcheinander aus Tagen und Nächten und Sonne und Regen, doch - wenn ich recht überlege - in irgendwelchen Morgenstunden, nach Schichtende und geglückter Übergabe der Kleinen, bin ich zum ersten Mal in meinem Leben beim Essen eingeschlafen. Tatsächlich, egal wie voll ich jemals gewesen bin, wie krank oder übermüdet, das ist mir in meinem Leben noch nicht passiert. Zugegeben, mit dem Gesicht in der Suppe bin ich nicht gerade aufgewacht, aber als ich verwirrt aus meinem Steinschlaf erwachte, fühlte ich die Mandelkerne, die ich mir zur schnellen effektiven Nahrungsaufnahme, im letzten Augenblick vertrauenswürdigem Wachzustand aus der Küche geholt hatte, um sie mit geschlossenen Augen unter der Decke zu kauen, in meiner Hand und hart unter dem Gesicht und erinnerte mich: Schlucken. Gewissermaßen auch hier eine Ähnlichkeit unserer Erlebnisse: sie ist auf jeden Fall schon ein paarmal beim Essen eingeschlafen.
10.5.17 20:37


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