Vor einiger Zeit unternahmen die Kleine und ich eine Wanderung. Wir nahmen den Bus zu jenem Platz, von dem aus eine Bahn in südlicher Richtung steil den Berg hinaufgeht und so den dampfenden Kessel mit umwehter Höhenlage verbindet. Dort oben thronen die herrschaftlichsten Anwesen, deren Ausblick zur einen Seite über das flimmernde Meer der Häuserdächer geht. Zur anderen Seite hin öffnet sich ein bewaldetes, überwuchertes Tal wie der Eingang zur Hölle, dessen steilste Wände nach oben hin von Weingärten durchzogen sind.

Entlang der wunderbaren Häuser, das Tal zur Rechten, verläuft die Straße, von der ein Weg abgeht, der in den Wald führt und dort hindurch zum größten Friedhof der Stadt. Es ist eine alte Anlage, große Flächen haben ihren Besitzer längst verschluckt und liegen brach unter jungem Rasen, hungrig im Schatten großer Eichen.

Nur wenige Spaziergänger begegnen uns, ältere Damen mit ihren Hunden und ein einsamer junger Mann mit verdrieslichem Gesicht. Auf dem Parkplatz vor dem Friefhof parken einige Fahrzeuge, dennoch erscheint die Ebene menschenleer. Das Mädchen im Wagen wacht auf und ruft kläglich, weil ich es nicht sogleich herausnehme, zuerst eine Bank im Schatten finden will, auf der ich mich setzen und ihr zu trinken geben kann. Einen Augenblick später nur höre ich von einem der vielen Pfade, die vom Weg abzweigen, her den Ruf einer Frau: "halt!", schon sehe ich einen großen Hund, beinahe ein wollenes, dunkles Kalb auf uns zutraben, aufgeschreckt vom Weinen meines kleinen Lieblings. Der Hund hört nicht und kommt näher. Er eilt nicht, setzt tänzelnd und nachlässig die Pfoten voreinander, gleich einem Raubtier, das seine Beute in der Falle weiß. Ergeben stelle ich mich vor den Wagen und breite die Arme etwas zaghaft aus. Ob ich ihn erwürgen und erschlagen kann, bevor er mich wehrlos gebissen hat? Ich nehme dieses Schicksal an. Ich seh seine Besitzerin nicht, doch als sie ein weiteres Mal ruft, ist er auf fünf Meter an uns herangekommen und endlich macht er Halt, zögert nicht, als sei ihm im Grunde alles einerlei und trabt davon. Mit geballter Faust fluche ich ihm lautlos hinterher.

Wir überqueren den Friehof. Mir fällt ein Grab ins Auge, das durch vier Zeltstäbe von einem weißes Tuch überspannt ist, als sei ein Archäologe am Werk. Wahrscheinlicher als eine Ausgrabung jedoch ist eine Eingrabung.

[...]

 

16.8.17 12:04


Nachtrag

E. warf mir später die Eskalation seiner angelegten Konzentrationsschwäche vor. Der Schreck von damals habe ihm nachhaltig zugesetzt. Ich hatte ein schlechtes Gewissen. Das letzte Mal, das ich ihn traf, zufällig an der Tankstelle, es ist sicher neun oder zehn Jahren her, kam er eben von seinem Jahr beim Bund zurück. Er hatte sich die Augenbrauchen piercen lassen und erwog eine mehrjährige Verpflichtung. "Wie sagt man", sagte er, "Krieg is' scheiße, aber der Sound is' geil."

10.8.17 11:21


2.

Wir huschten aufgeregt über Schleichwege hinunter in Tal. Durch die Unterführung und rechts am Bahngleis entlang, erreichten wir den Bahnhof. Menschenleer und hell-erleuchtet lag er vor uns. Ein Stück hinter dem Bahnhof lief die Stadt in wenigen Mietshäusern und den Anlagen einer großen Gärtnerei aus. Danach nur noch eine leidlich asphaltierte Straße zwischen Bahngleis und Fluss. Auf halber Strecke hinaus endete die Beleuchtung, vor uns lag der Weg von einem Kilometer im Schwarz der überhängenden Äste der Bäume zu beiden Seiten. Die Geräusche des Tages, das Mähen, Klappern, die Arbeit der Landmaschinen und Abrissbirnen fand sein Echo im Strom des Flusses, dessen Rauschen uns bei Nacht gewaltig erschien.

Wir passierten die Gastankstelle und sahen in der Ferne, über die Gleise hinweg das hohe Gebäude der BAG. Nachts erschien es weniger unheimlich als am Tag, wenn in Reihen und Zeilen die viel zu kleinen schwarzen Fenster wie Schießscharte aus Kriegen einer vergangenen Zeit die Gebäudewand durchmaßen. Dort werden Menschen in einer alten Zeit festgehalten, eingesperrt, so wollte es mir als Kind erscheinen. Grausamkeit war wohl existent, nahm damals in meiner Vorstellung von der Gegenwart jedoch keinen Platz ein.

Schließlich erreichten wir das Gemeindehaus. L-förmig lag es an der Straße. Dahinter eine weite Feldwiese, der Fluss und weithin kein Licht. Die Großen, das wussten wir, saßen im Zimmer mit dem weißen Polstersesseln, das zur Rückseite des Hauses hinausgeht. Wir schlichen also an der Hauswand entlang, immer dort, wo uns der Bewegungsmelder der Außenbeleuchtung nicht erreichen würde. Die Rolläden der bodentiefen Fenster waren ganz heruntergelassen, doch durch die Ritzen drang Licht. Ein Eindringen ins Haus war nicht möglich, sie hatten gewiss alle Türen verschlossen. Um auf uns aufmerksam zu machen, rüttelten wir an den Rolläden und rannten kreischend vor Irrsinn davon. Zu diesem Zeitpunkt, so dachten wir, hätten sie uns längst im Verdacht und wollten den eigentlichen Grund unserer Expedition, den großen Schreck, bereits aufgeben, da gingen im vorderen Teil des Hauses, in der großen Vorhalle, dort wo das L seinen Knick hat, die Lichter an. Wir beratschlagten, ob wir uns einfach wieder aus dem Staub machen sollten, da kamen sie, alle fünf sehr nahe an die große gläserne Eingangstür. Sie blickten sehr deutlich in unsere Richtung. Wir standen im Halbdunkel der Außenbeleuchtung, zwischen Büschen, am Ende des kürzeren L-Striches und hielten uns die Bäuche vor Aufregung. Aufgehuschte Insekten warfen im Flug um die Lichtquellen über der Eingangstür hektische Schatten an die Hauswand. Ich ging kurzeschlossen zu Boden, die Taschenlampe auf mein Gesicht gerichtet und kroch so, halb auf allen Vieren, über den gepflasterten Vorplatz der gläsernen Eingangstür zu.

Erst jetzt wurde ich der Vorgänge hinter der Glasscheibe gewahr. Während E. in Panik sich um seine eigene Achse drehte, wild mit den Armen rudernd sich für keinen Weg entscheiden konnte, als würde er am liebsten in sich selbst verschwinden, Zuflucht suchen in sich selbst, hatten die anderen Drei das Weite gesucht. Wie jemand, der von der Tatsache seines eigenen Unglücks überwältigt, neugierig sein Unglück kennenlernen mag, stand D., mein Cousin, vielleicht auch strategisch planend, bewegungslos vor der Glastür, seine Hände in den Hosentaschen vergraben. E. wieder, schrie entsetzliche Würgelaute. Sofort richtete ich mich auf, ruderte entschuldigend mit den Armen und bemühte mich, meinen Körper, die Tatsache meines menschlichen Wesens, meiner Berechenbarkeit und Harmlosigkeit zu erklären und näherte mich weiter vorsichtig der Tür. Da, endlich, ging auch das Hauptlicht an und meine Gestalt stand im gnadenvollen Licht des Erkennens. Der Schreck, den mein Gesicht als das Abbild des Bösen und der Bedrohung auf die Gesichter meiner Opfer geworfen hatte, kam so heftig zu mir zurück, dass ich mich unweigerlich umblicken musste, ob sich nicht eine noch viel grässlichere Gestalt hinter mir, wie ein Schatten aus der Dunkelheit ins Licht geschlichen hätte.

Als der Schreck sich eine halbe Stunde später etwas aufgelöst hatte und wir einander wieder in die Augen sehen konnten, berichtete man uns, dass vor einigen Stunden eine Warnung im Radio ausgegeben worden war. Zwei verurteilte Straftäter waren aus einer Haftanstalt ganz in der Nähe ausgebrochen. Sie mussten als gewalttätig eingestuft werden.

 

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8.8.17 15:12


1.

Dieses geschah an einem warmen Sommerabend im jungen, neuen Jahrtausend. Wir saßen wahrscheinlich auf dem Balkon im Obergeschoss auf dem ausrangierten Sofa und hatten die Beine über das Geländer gelegt. Wir, das waren meine Cousinen A. und O. und ich. Uns war langweilig. Zwischen den Sprossen beobachteten wir, wie der Horizont über dem Tal nach inniger Glut langsam verblasste, sich blau und schließlich dunkel färbte. Die Großen hatten uns nicht mit ins Kino genommen. Aus dem Alter, in dem man mit Puppen spielt, waren wir längst heraus. Auch Monopoly und Phase 7 interessierten uns nicht. A. hatte nach dem Abendessen begonnen, uns mit den Schminksachen meiner Schwester anzumalen. Sie hatte vor den Sommerferien in der Maske für ein Schulmusical mitgewirkt und dabei echte Fähigkeiten entwickelt. O. schminkte sie hübsch und mir malte sie eine rohe Maske ins Gesicht. Als sie fertig war, lagen meine Augen tief in dunklen Höhlen, Stirn und Wangen glänzten weiß, der Mund war weiß übermalt, lautlos und blutleer und jagte den beiden und selbst mir im Spiegel einen Schrecken ein. Im Erkennen der eigenen Züge als Gerüst der fremden Fratze wurde das Böse leibhaftig. Meine Haut unter der Schminke spannte unangenehm, ich gab den Tag auf und war schon auf dem Weg ins Badezimmer, um das Gesicht zu waschen und die Zähne zu putzen, doch beim Anblick meines Gesichtes im Spiegel erschien mir das als Verschwendung. Wir wussten, dass sich die Großen nach dem Film noch im Gemeindehaus zusammensetzen, Tee trinken und einfach besonders sein wollten, das heißt: ohne uns. Vielleicht eine Schnapsidee aber wir betranken uns an ihr und tranken uns Mut an. Der Beschluss verlieh uns ungeahnte Freiheit. Wir waren zu dritt, wir hatten Beine, Füße, Augen und die Distanz, die asphaltierte Straße ein ganzes Stück aus der Stadt heraus, am Fluss entlang, schrumpfte. Wir kannten den Weg am Tag, wir mussten nur das Tor zur Nacht aufstoßen. Kaum eine ganze Stunde nahm der Weg in Anspruch. Das musste es wert sein. A. malte mir roten Lippenstift auf die Zähne, das Resultat machte jeden Zweifel hinfällig. A. und O. wagten nicht, die Augen von mir zu lassen, als bestünde die Gefahr, dass mein Gesicht sich in einem unbeobachteten Moment über mich selbst hermachen würde. Wir organisierten Taschenlampen und marschierten zu. Der kindische Charakter unserer Absicht interessierte uns nicht mehr. Wir würden sie erschrecken, wie sie noch nie erschreckt worden waren.

17.7.17 23:20


Träume von einem Zimmer in der Wohnung, das wir scheinbar vergessen und lange nicht betreten haben und doch liegen da frische grüne Trauben auf einer Anrichte. Außerdem beobachte ich, wie ein Typ sehr offensichtlich dem Mann nachglotzt. Ich nähere mich ihm von der Seite und raune mit großem Vergnügen an dieser gewissen Attitüde: "vergiss es, der gehört mir!" Offenbar häufe ich Besitz an. Außerdem erinnere ich mich an einen Traum, der vor einer ganzen Weile geschehen sein muss. Vielleicht ist er aber noch ganz nah und es schwemmte ihn unter falscher Flagge an die Oberfläche meines Bewusstseins. Mir sind keine Handlungen im Sinn, bloß die Kulisse, die mehr Bedeutung als Bild zu sein scheint: jenen Fluss, den ich in meiner Kindheit so oft entlanggelaufen bin, befahre ich auf einem großen Floß mit Mast und weißer Flagge.

Es ist ja sehr naheliegend und alles andere wäre beunruhigend, dennoch wohnt ihnen ein unglaubliches Wunder inne: ihre Funktionen, ihre Reflexe, ihre Entwicklung. Die einegrollten Zehchen, das Saugen und nun das Spielen. Es ist so erstaunlich, dass man die Banalität, die schon bloß durch die - möchte man großzügig untertreiben - Häufigkeit sich ergibt, kaum fassen kann. Es ist ja auch alles so unendlich niedlich. Ich bin ein Sklave.

 

7.7.17 10:06


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Juli 2017
3.7.17 20:46


Sitzen am Feuersee. Der Wind wischt über den offenen Platz, bricht übers Wasser und zieht dessen Kälte als grauen Schleier über das Pflaster. Im Genick, an den Knöcheln baut er sein Nest aus feuchtkalten, fiebrigen Spänen. Die Hitze der letzten Wochen erscheint wie ein anderer, böser Traum. Überhaupt, Träume. Was mich nun am Tage nicht mehr plagt, sucht mich nächtens heim: das Kind verschwindet und ich finde es nicht. Aber wenn auf der Erde sich nichts hinter einer unsichtbaren Wand verstecken kann, dann muss das Kleine doch irgendwo sein und diesen Ort, den suche ich und mein Verstand verirrt sich in der Menge der Möglichkeit. Komme in panische Eile, verlange wütig Auskunft, werde gewalttätig. Der Wahnsinn, der aus dem Abgrund hinaufgrinst, der Grusel, wenn man hinunterblickt. Denn ich höre ihr wohliges Grummeln ja in der Dunkelheit, ganz nah bei mir. Auch wenn der Traum sie vor mir verborgen hält, wenn sie dort vielleicht gar nicht existiert, im Licht des Morgens werd ich sie finden, in ihrem Bettchen, dort wo sie schlafen legte. Eine Frau betritt den Platz. Sie ist gerade noch beschäftigt mit einem Reiseführer in der Hand und blickt dann auf, voller Begeisterung mit Blick über den See auf die Kirche: wahnsinn, toll! Das sieht ja genauso aus wie auf dem Bild. Ihr Begleiter, postiv ungerührt, er sieht seine Erwarungen bloß erfüllt, lutscht weiter an seinem Eis. Im See lauern Schildkröten als Bojen, die keine Richtung weisen, verschwinden, verrutschen auf dem glatten Spiegel, der keine Eindeutigkeit erlaubt. Du kannst dir Orte nicht erträumen und fremde Worte nicht erraten. Je zwei rote blinde Punkte starren aus dem grünen Panzerleib.

3.7.17 15:08


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Juni 2017. TV-Experte

21.6.17 12:29


Guck an - Arcade Fire auch. Man sagt immer, die Zeit geht so schnell vorbei. Abgesehen davon, in welchen Dimensionen das eine relevante Beobachtung sein soll - jeder Abschnitt, wenn man ihn mit einer Tätigkeit gleichsetzt, nimmt unheimlich viel Zeit in Anspruch. Das kann man schon so sagen. Aber ich muss ja nirgends hin. Sag ich auch immer. Die Dinge verrichten sich so langsam, dass sie große Bissen von der Zeit nehmen, aber weil sie so wichtig sind und jeder Schritt darin, kein Spiel, kein gewonnenes Lächeln überflüssig ist, vergeht die Zeit so schnell. Das Gegenteil von Zeitvertreib, vom Nagen an der Zeit, wie heißt das, Zeitschlingen?
20.6.17 13:14


Wenn im Übergang vom blauen Dunst der Nacht zum goldschimmernden Morgen der Wolf die müden Augen schließt, der Mann ersteht und seine Bewegungen in Erschöpfungs Dunkelheit nur zu erahnen sind, wenn er einen Kuss von der Tür herwirft und wie verschluckt verschwindet, dann beginnt das, was das Wölfchen glauben machen muss, das Leben sei nicht halb so manchmal-schwer, wie man es vielleicht warnte. Ein Leben um des Lebens Willen.

Und also wächst es. Reibt sich schon die Äuglein, gluckst bisweilen, folgt dem rasselnden Holz. Es wächst auch im Halbschlummer, wenn ich eine "verbotete Dokumentation" über Antisemitismus in Europa betrachte, während ich einen Kaffee trinke, eine Melone esse, während ich grüble über den Unterschied zwischen angeborener Boshaftigkeit und fahrlässigem Unwissen, grüble über der Wäsche, dem Geschirr, den vollen Windeln. Es wächst. So schnell, dass ich grüble, wie man das Wachstum verlangsamen könnte, wo gemäßigte Bahnen, die Lust auf den Morgen, auf die Zukunft nur Narrenfeuer für die Genügsamen sind. Als gäbe es eher oder wenigstens vielleicht ein Zurück, wenn man nur stramm vorwärts schreite, ohne einen Blick zurück, einen Blick auf die Salzsäule. Es wächst und wächst, Wachstum um jeden Preis, verstehe, sonst bricht das System zusammen. Alt-J haben ein neues Album. Die Kleine wächst, während ich stetig und langsam zusammenbreche.

14.6.17 14:26


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