Den Kinderwagen vor mir warte ich auf den Fahrstuhl, er öffnet sich und heraus tritt ein älterer Herr am Rollator. Ich bemühe mich zur Seite zu kommen, ihm geht es nicht schnell genug. "Geh doch mal weg da!", motzt er und fährt, den Blick nur auf den Boden gerichtet, absichtlich sein Rad gegen den Kinderwagen. Ich bin viel zu müde. "Also - ich bitte Sie!", empfehle ich ihm Vernunft, doch er ist schon durch. Ohne Schulterblick wirft er die Arme in die Luft und gibt so ein Geräusch von sich, mit dem man Gänse, ganz schrecklich nervige Gänse nachahmt und abtut. Wohin haben sies denn noch eilig, als nur ins Grab! will ich hinterherrufen, mach ich aber nicht. Wann wird einer, der vormals ein Mensch gewesen ist, zu dieser Hülle, einer feindseligen Figur, zu einem anstrengenden Nichtsnutz, einem Schädling. Gut, vielleicht ist er ein großer Dirigent oder der Direktor einer ganz wichtigen Institution gewesen. Ein Eintrag im Jahrbuch, in der Chronik. Mag sein Horizont den meinen auch um Welten überbieten, alles was er geleistet hat, ist dann auch bloß seine Aufgabe gewesen und er sollte dankbar sein darüber, dass es sie erfüllen konnte. Darüber hinaus ist nichts, nur Haut und Knochen und Zähne.
21.2.18 17:15


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Februar 2018
16.2.18 22:44


Eigentlich beschwere ich mich selten übers Wetter, aber das ist schon eine Zumutung. Mitternacht vorbei und draußen zwitschern die Vögel?

Vor einer Weile besah ich irgendwelche Nachrichten und checkte das Datum. Vom Januar? Na, ist ja schon lange her, wir haben ja schon Juni, Juli gerade.

10.2.18 00:51


F. Susa F. aus Susa. Wie oft wache ich am Feuer
Welche Blumen haben diesen grauen vollen Duft

7.2.18 23:10


Manchmal erscheint der Himmel am Morgen für eine kurze Dauer wie ein fahles, bodenloses oder dachloses Nichts, auch wenn er eigentlich die Nacht über seine schwarzen Laken mit dunklen Wolken gefüllt hat, um sie dem unglückseligen Tag über seine Stunden zu schütten. In diesem Nichts sind die Konturen jeder Beschaffenheit verschwunden und aus dem wahrscheinlich letzten Ding, das vielleicht noch übrig ist, setzt sich ein Leuchten ab, das auf den Hauswänden in ferner Nachbarschaft, gerade unter der Dachrinne, als schmaler Streifen glimmt. Heute in der Früh, als ich erwachte, sah ich durchs Fenster dort drüben dieses leuchtende Rinnsal in seiner Horizontalen, die reine Unschuld und als ich zur Seite blickte, neben mir das kleine Mädchen, noch tief im Schlaf, da sah ich diese Spur auch dort, auf dem Profil seiner Wange.

31.1.18 11:08


Samstagnachmittag in der Stadt unterwegs beschließen wir spontan, irgendwie, weil wir kein Suppenhuhn in der Markthalle mehr kriegen, den Mann von Kopf bis Fuß neu einzukleiden. Dazu in ein großes Kaufhaus. Wir entscheiden zügig und sind schon wieder auf dem Weg zum Fahrstuhl, da beugt sich der Mann im Vorübergehen über einen Tisch und befühlt die ausgelegte Ware. "Das ist keine gute Marke", empfehle ich. Meine Expertise in diesen Dingen überschreitet die seine. Fakt. Meine Auskennerei beim Einkaufen verstecke ich nicht hinter reizender Zurückhaltung, hier bin ich Diktator, hier kann ich sein. Ist bei Literatur auch so und wenn wir dicht sind, was wahrscheinlich ohnehin nie wieder der Fall sein wird. Jedenfalls rollt der Mann belustigt mit den Augen, das gönn ich ihm, aber ein Stück weiter hinten dreht sich gerade ein Mann nach uns um, runzelt die Stirn und schüttelt empört den Kopf. Er sieht nicht unsympathisch aus, bloß so überzeugt von irgendwas. Das lange sehr blonde Haar zu einem Pferdeschwanz gebunden. Vielleicht Mitte Zwanzig. Bloß weil er sich nichts besseres leisten kann. Mein Wissen stützt sich auf Empirie und Erfahrungswerte. Schau dir die Zusammensetzung und Verarbeitung des Stoffes an. Dann knauser, als seis unmoralisch Geld für Klamotten auszugeben und lauf in drei Wochen zerissen und verblichen herum. Wenn ich das weiß, wieso soll ich mich zurückhalten, auch in der Deutlichkeit meines Urteils. Das ist schlechte Ware, sie anzusehen ist Zeitverschwendung und Zeitverschwendung ist unmoralisch. Außerdem kümmere er sich um seinen Kram! Gesagt hab ich natürlich nichts. Er sah aus wie ein Marxist und da kenne ich mich zum Beispiel gar nicht aus.
29.1.18 11:46


Reste 2013

Stars und Sternchen gehören zur gesellschaftlichen Realität. Ihr Verhalten spiegelt gewissermaßen einen Konsens der Gesellschaft wieder, z.B. Verträge, die einzelne Teile der Gesellschaft miteinander schließen. Oder aber, sie dienen als Vorbild, dann jedoch findet der "Geist der Zeit" in den Persönlichkeiten der Zeit seinen Höhepunkt. Insofern ist das Leben von Berühmtheiten, gleich welcher Natur, sehr interessant. Sollte es vielleicht nicht, aber bei Moral und Anspruch hört die Freundschaft auf, das muss auch ein Marcel Reich Ranicki lernen.

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M. ruft an und bittet mich, mir heut im Laufe des Tages mal einen Moment Zeit zu nehmen, an die Decke zu sehen und mir klar zu machen, wie gut mein Leben eigentlich ist. Das braucht er mir aber wirklich nicht sagen. Das bisschen Haushalt macht sich nämlich von allein. Den Fikus muss ich umpflanzen, verstehe ich schon, dazu muss ich zur Floristin eine Straße weiter, verstehe schon, das könnte ich als hart empfinden. Den Zitronenbaum habe ich schon besprochen heute und gegossen, dabei gesehen, dass noch Wein von gestern übrig war, aber so gut ist mein Leben jetzt auch nicht, dass ich morgens um 11 Uhr trinken könnte ohne schlechtes Gewissen. Die Mutter hat angerufen, mein Neffe hat sich sehr über das Geschenk zum Schulanfang gefreut und gleich mal ein paar Experimente, die auf den Sammelkarten beschrieben sind, durchgeführt. Über die Süßigkeiten, die ich geschickt habe, fiel kein Wort. Er kam nach Hause mit einem Hausaufgabenbuch für die zweite Klasse, also ist er wohl, das haben sich aber auch alle schon gedacht, ein bisschen weiter als die anderen oder es ist gängige Praxis. Mir ist das nicht so wichtig. Kinder können klug sein wie sie wollen, sie sind eben Kinder und wenns beschissen läuft werden sie drogensüchtig oder versauen ihr Leben sonstwie, da muss man sich in dem Alter noch keine Illusionen machen. Die Mutter sagt, er liest flüssig Schreib- und Druckschrift und Rechnen kann er auch, nur mit dem Schreiben selbst hapert es noch, das muss er noch üben, vor allem, weil er so gerne Geschichten schreibt. Ich muss lachen und merke an, dass es dann ja ganz geschickt ist, wenn er jetzt zur Schule geht. "Ja, dann wird ihm da wenigstens nicht langweilig, wenn er was lernen kann." Mein Neffe ist wahnsinnig sensibel und ängstlich, er fürchtet sich davor, anderen zur Last zu fallen. Ob er sie nicht belästigt, wenn er so oft da ist, mit seiner Familie, fragt er seine Oma und als sie ihm zum Karateunterricht schicken wollen, rennt er entsetzt davon: "Die schlagen sich gegenseitig! Da will ich nicht hin!" - Die Mutter redet eigentlich ständig von ihm, seine Cousine, meine Nichte fällt daneben etwas unter den Tisch, obwohl ich persönlich sie sehr interessant finde. Ihre Unzufriedenheit mit sich selbst ist schon jetzt deutlich zu erkennen und rührt meiner Beobachtung nach nicht von ihren Eltern her. Sie ist oft unausgeglichen, wird unleidig und dadurch unglücklich. Ich bin froh, dass ich meinen Mädchennamen behalten habe.

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Ich habe eine einfach Erklärung für diese Eigenart der Faszination des Bösen: die Menschen sind froh, dass es nicht sie erwischt hat.

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Claire Danes ist übrigens der Wahnsinn in Homeland. Bevor man merkt, dass sie eine Schauspielerin ist, hat man sie längst aufgeben. Mensch, du bist so fertig, ich kann nichts mehr für dich tun. Brauchst du nicht, sagt sie dann. "Ätsch" - alles nur ein Spiel und du denkst, na - scheiß doch die Wand an, Mädel. Diesmal hattest du mich wirklich!

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Ordinäre Sammlung von furchtbaren Sätzen/Satzanfängen:

"Der Moment, wenn du...", "Kennst du das, wenn du...", "Erkenntnis des Tages:...", "Gehe niemals, ich wiederhole: niemals...", "Ja, genau in der Reihenfolge.", "In meinem Zimmer ist eine Fliege, wir sind jetzt Freude, sie heißt Hugo." Bin auch offen für Vorschläge

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28.4

Plauderei aus meinem Leben

Gestern sind wir unterwegs gewesen. A. hatte Saisonabschlussparty im Max Kade. Es war ein süßer Spaß dort oben, gegen 3 Uhr waren wir auf dem Heimweg. M. heillos betrunken, geplagt von Schluckauf, schon deswegen blieb ich nüchtern. Die Musik war prima, richtige Basketballer-Musik und gerade wie Alicia Keys mit ihrem "New York" ins Delirium von Reichtum und Ruhm in einer Stadt wie ein erweitertes Bewusstsein abmarschiert, haut A. der J. mitten auf der Tanzfläche eine runter und kein Mensch kann mir irgendwie erklären, was da passiert ist. Auf der Heimfahrt dann natürlich geladene Stille, die Ruhe vor dem Sturm in der S-Bahn. J. spricht kein Wort, schon lang nicht mit A, weil er, neben der Ohrfeige (die man bei ihrem Grad der Einsamkeit beinahe als Zuneigung werten kann) so lange wie ein Gourmet an den Dönerläden vorbeiläuft, bis er beim Asiaten gelandet ist, obwohl J. schon klar gemacht hat, dass sie zum Döner will und nicht zum Asiaten. Also miese Stimmung in der Bahn, A. gegenüber sitzt ein Mädchen, zierlich von Gestalt. Es kommen so drei Musketiere rein und setzen sich zu ihr, quetschen und drängen das Mädchen mit ihren pubertären Ärschen voll gegen die Wand, weil sich 1. keiner entscheidet lieber zu stehen oder sich 2. woanders hinzusetzen. Offensichtlich, dass solch ein Verhalten von Unsicherheit herrührt. Der Körper zu männlich für die Sitzbank, das Hirn noch zu jung für zuvorkommendes Verhalten. Rücksicht bedeutete Gesichtsverlust. Neben A. sitzt nur ein blonder Typ, der die Jungs spöttisch angrinst und auf den freien Platz neben sich zeigt, dabei A. in die Stichelei reinziehen will. Der würde gerne, hat aber Schiss was auf die Fresse zu kriegen und außerdem ist J. ja auch noch sauer auf ihn, was ihm Spaß per se verbieten sollte. Ich bin irgendwie so sentimental die ganze Zeit. Zum Glück kommt, bevor die Stimmung in der S-Bahn kippt, eine Freundin des blonden Typen an den Haltestangen angehangelt. Obwohl sie offensichtlich einen festen Freund dabei hat, ist sie wohl scharf auf den Blonden und nervt rum, von wegen wie ihre Füße in den Pumps weh tun. Das bei mäßiger Absatzhöhe. Schiebt ihre Füße also aus den Schuhen und wischt mit den Nähten der Nylons über den S-Bahn-Boden. "Schatz", ruft sie dann rüber zu ihrem Typen, wir fahren Taxi! Wie soll ich denn mit denen laufen!" - als sei sie der Schönheit wegen in Mörderheels unterwegs, wobei der Geisha-Komplex bei ihren jämmerlich unspektakulären Schuhen einfach nicht zieht. Qualitätsware von Tamaris und sie kommen vom Wasen.

Eigentlich wollte ich eine Hymne auf so ein Mädchen von der Party machen. Ich schätz mal Türkin, mit Undercut im welligen Haar, lässiges schwarzes Kleid und Bikerstiefel, fast schon zu klobig. Das Kleid am Rücken komplett offen, zusammengehalten von Glitzerzeug. Lauter pailettenbesetzte Brücken über ihren Rücken, knapp über dem Steißbein ging das los. Sie tanzte mit einem Typen, der sah ungelogen aus wie 15. 

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Was mich außerdem aufregt sind diese Labertaschen, von wegen "Du musst mir unbedingt das Rezept von dem Kuchen geben, der so nach Nuss, Schoko und Kirsche schmeckt" - du bunter Samariter! Was glaubst du eigentlich! Du machst einen Teig, schaust dass die Konsistenz in Ordnung ist und mengst Nuss, Schoko und Kirschen bei. Am Ende machst du aus Kirschsaft eine Glasur. Wie ein Teig geht? Schonmal was vom Internet gehört?

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Fragment

Da meine Ankunftszeit bis zum Ende der Reise nicht feststeht, mache ich mich alleine auf den Weg. Weil die Riemen der cognacfarbenen Tasche nicht weit genug sind, um sie ordentlich über die Schulter zu hängen, trage ich sie in der Ellenbeuge. Das schneidet ins Fleisch. Anstandslos finde ich die Adresse, vielleicht halte ich an einer Kreuzung inne um mich zu orientieren, entscheide aber immer richtig. Vor dem Haus überlege ich mir einen guten Spruch, um ihn in die Gegensprechanlage zu brabbeln, sitze vielleicht noch eine Weile herum. "Hier ist der Verein der freiwilligen Feuerwehr, Sie haben Ihren Beitrag nicht geleistet." Bis die Tür aufgeht, habe ich sowieso längst alles vergessen. Es war ja mehr als das, viel mehr. Zum grundsätzlichen Unbehagen gesellte sich die mürrische Laune, die ausbrechende Verachtung, die unbedingte Ehrlichkeit, derer du dich rühmtest, während um dich herum betretene Stille einkehrte. Eine Szene vollführst du auch nicht auf offener Straße, in geschlossenem Zimmer, vor Leuten, die schwächer sind als du, da drehst du ab und knallst deine Autoschlüssel gegen die Fensterscheibe. Ein Beweis deiner Impulsivität, so berichtest du noch Jahrzehnte später und denkst, das sei charmant oder mindestens verwegen.

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Nach dem letzten Gespräch mit dem Professor ist alles Leben aus mir gewichen, zumindest das wissenschaftliche. Offensichtlich bin ich auf dem richtigen Weg und alles, was kommen soll eine Frage von einem Nachmittag, an dem ich mich hinsetze und meine Gedanken sortiere, sie zu Papier und Unsicherheiten zu Fall bringe. Das übliche Verfahren. 

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Frühjahr/Sommer 2007/Rückblick/2012

Den Vormittag über bemühe ich mich, eine Ordnung im Haus herzustellen, die zumindest bis vor die zahlreichen Abstellkammern reichen soll. Besuch löst unweigerlich eine Maschinerie der Dringlichkeiten aus. Mit dem Wagen des Mutter-Kind-Heims sammle ich ihn an einer Ausfahrt, zwei Dörfer weiter auf. Die Sonne scheint gut, ich trage eine Brille, das Haar ist frisch gewaschen, ich gehe ihm entgegen, da steht er wirklich. Besieht man die Möglichkeiten an Aufenthaltsorten auf einer Landkarte, wirkt das geradezu wie eine irrwitzige Laune des Schicksals. Natürlich verabredet man sich, wie irr ist es nur, dass man sich auf einen Punk einigen kann, den beide kennen, der eine geografische Übereinstimmung bezieht und eine tatsächliche, körperliche Begegnung zulässt! Es ist nicht das erste Mal, dass wir einander sehen, es ist nicht das letzte Mal. Die Sonne scheint noch. Erst gegen abend, wenn ich den Wein der absenten Mitbewohnerin an mich genommen, wenn wir gemeinsam das Schicksal der verbliebenen Mitbewohnerin bequatscht haben, wenn wir überhaupt bequatscht haben, gehen wir hinaus, um bei den Tieren vorbeizusehen. Es ist Nacht und aus den Ställen schnaubt und grunzt es in Eintracht und Behaglichkeit. M. springt behänd über den Zaun und ich kann nur staunen ob der Körperlichkeit. Ich kann ohnehin nur staunen, welchen Griff die Höflichkeit an uns anwendet. Wie fest er ist. Es regnet in Strömen im Dunkeln. Entlang der Landstraße ist der Gehweg beinahe zu schmal für uns beide. Die Hände berühren sich, es ist wahnsinnig unangenehm, weil es so gewollt wirkt. Nur gewollt hat es niemand. Selbst mein weitestes, mein bequemstes Shirt passt ihm nicht, die Schultern sind viel zu breit. Das merkte ich erst eben wieder, als er mit den Schultern wirklich nicht in den Notsitz eines gängigen Regional Express' passte. Quetscht sich wie eine Walnuss in eine Pistazienschale, es ist nicht zu glauben. Alles an ihm ist eine Drohung, ich könnte nicht einmal so viel scheiße labern, wie es benötigt das Hemd der Unsicherheiten loszuwerden. Ich drehe durch und bleibe stumm.

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Am selben Bahnhof gesehen, wie BDSM-Literatur abgeht im Kielwasser des Beststellers. Deswegen über BDSM nachgedacht. Ich kannte mal einen, der verpackte das Vokabular in übersetzbares Kindisch. Denn gemessen an Tradition und Würde bin ich damals ein Kind gewesen. Versuchte er also, mir zu erklären, was sein Ding sei und ich hab es nicht verstanden, bis er sagte, Frauen seien wie Hunde. Zuckerbrot und Peitsche. Den Ausdruck kannte ich bis zu diesem Zeitpunkt vom Lateinlehrer mit seinen wüsten Beschimpfungen, so die Deklination danebenging oder eine Vokabel vergessen ward und seinem Lob über alle Maßen bei Erfüllung der Erfordernisse. Er war alt und dürfte tot sein mittlerweile, dement mindestens. Damals war er engagiert, doch all dies entschuldigt nicht sein Versagen, die eigene Strategie des Unterrichts auch noch frei herauszuplaudern. Ich operiere mit Zuckerbrot und Peitsche. Der BDSM-Fanat jedenfalls, bevor ich protestieren konnte, behauptete Frauen seien wie Hunde. Wautsch.

Ich schöpfe diese reiche Hoffnung, Frauen, die gerne behandelt werden wie Scheiße, Frauen, die auf Arschlöcher stehen, auf Typen, die ihnen geben wos langgeht, die ihnen überhaupt geben, mit dem Schlüsselbund, mit der Fleischpeitsche, mit ihrer albernen Arroganz, die ich nachsichtig belächle. Frauen sind wie Hunde. Keine Ahnung, wo ich da überhaupt anfangen soll was zu sagen. Es ist nicht einmal emanzipatorisch. Nur hat mich in meinem Leben nie jemand behandelt wie einen Hund. Nicht meine Mutter und nicht mein Vater, nicht einmal der Glaube an einen Gott, der eine Rolle spielt. "Du sollst das selbst machen, mit dir, du hast dein Leben, du musst verantworten, was geschieht." - dann erzählt mir dieser Typ davon, Frauen seien wie Hunde. Ja, leck mich doch. 

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Gerade auf der gmx-Startseite die Überschrift gelesen: "Ist das der neue "Bachelor"? Offiziell ist noch nichts, aber diese Glatze soll die Frauen beglücken." Heftig gelacht.

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Ich komme vorbei an einer Mülltonne, aus der eine dünne Qualmfahne steigt. Es stinkt verschmort, es zieht mich an. Als drehe sich da was Essbares an einem Spieß im Müllbrand oder das Schmieröl für die Zeitreise. Nur ein Tier ist es nicht, organisch, ja, aber kein Tier und keine Pflanze. Nehmen wir an, es ist ein Stück Fleisch von außerhalb der Welt, also von einem anderen Stern. Weißt, jedem gegenüber fühlst dich verantwortlich, wenn er deine Hilfe braucht. Aber so ein Außerirdischer, der soll echt mal selbst klarkommen, dass er nicht in der Tonne überm Zigarettenqualm endet. Die Finger sind halt kalt, die Knie zittern, mein Blick verwischt die Buchstaben, als greife er feucht aufs Papier. Kurz wirft die Sonne ihre Scheinwerfer aufs gegenüberliegende Haus. Aus den Schatten in der Fassade ergibt sich eine schöne und strenge Struktur, ausgelegt auf Länge, dabei schmal wie Russland oder seine Literaten selbst. Daneben wuchern die Wolken wie Haare nach wildem Schlaf.

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Ich denke es gibt eine todischere Möglichkeit, ein wohlhabendes Gebiet in der Bundesrepublik von weniger wohlhabenden zu unterscheiden. Als großer Fan von sogenannten String-Regalen bin ich immer auf der Suche nach Second-Hand oder Dachfund-Angeboten. Die wirklich günstigen und guten Stücke befinden sich aber allesamt eine Million Kilometer von hier entfernt. Ich sitze im Speckgürtel Deutschlands. Hier haben die Leute ihre String-Regale von 1960 schon Anfang der neunziger zu Gunsten von praktischen Wohnwänden mit schillernden Vitrinen auf den Sperrmüll gestellt. Ach, wäre es mir heute noch einmal vergönnt diesen Sperrmülltag im süddeutschen Heimatstädtchen mitzumachen. Damals vereinbarte man keinen Termin, alle stellten ihren Kram zu einem bestimmten Tag im Jahr vor die Tür. Das Haus meiner Eltern steht halb schon im noblen Viertel. Welche Schätze dort sicher aufgetaucht wären. Aber gut, es war damals ein Neubaugebiet. Die wirklichen Bonzen lebten auf der gegenüberliegende Seite des Tals, durch das die Jagst fließt. Heute sind die Fassaden dieser Häuser grau geworden. Die Kinder, die dort groß geworden sind, sind selbst schon fast Großeltern oder zumindest weit gekommen in ihrer Drogensucht, eingeschleppt aus Frankfurt a.M. oder Berlin, kurz: der Reichtum hat sich verzogen, ein paar Leute sind in der Klapse, ein paar sind glücklich, ein paar sind in ihr Ferienhaus nach Spanien an die Costa Brava ausgewandert. Meine Eltern hatten natürlich nie String-Regale. Bis 1989 war eine funktionierende Toilette den Umständen entsprechend ziemlich fancy, in D. angekommen kam dann eine dieser grausigen Wohnwände der 90er ins Haus, was denn sonst, Hauptsache eine Vitrine und die Fernsehnische mit Spielzeug zugemüllt. Also, falls jemand günstig ein String-Regal abzugeben hat mailto: stringfan23@gmail.com.

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Es lässt sich nicht verhindern. Spätestens, wenn niemand mehr zuhört, klappst du im Wind zusammen wie ein vormals geöffnetes Buch. Über die Seiten geht ein unbestimmtes Zittern.

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Dieser Eintrag ist den nervenden Kopfschmerzen und dem ständigen Ausharren und Warten und Warten geschuldet. Nach einer langen Wanderung geht der Nachhauseweg exakt den Weg zurück, das ist wie ein Schlag ins Gesicht, ich hab längst vergessen, welche Worte für eine innige Zuneigung sprachen und welche mir von Anfang an klar machen wollten, dass es keinen Unterschied gibt, ob nun ich unter den Wolken stehe oder ein anderer Mensch, auch ein ganz anderer Mensch wäre noch gut genug. Ich rede vom Mädchen mit den schlechten Zähnen, mit den schwarzen Kronen und Brücken sozusagen, es schmiss sich auf mich, sobald es verstanden hatte, dass wiederum ich ihre Sprache verstand. Dann ging es in einem fort: weißt du was? weißt du jenes? Du sitzt auf einem Stuhl und passt nicht drauf. Wenn du jemand aufregend und neues kennenlernst, dann nur, um zu erzählen, welche Geheimnisse du hast und hegst. Die Katze meines Bruders ist gestorben, ich hab mir die Katze ausgedacht, glaubst du, ich erfinde keinen Namen, wenn du mich fragst? Blümlein ist ihr Name gewesen, wenn du es wissen willst. Komm, du bist zwar nicht meine Mama, aber ich küss dich trotzdem, du siehst unsicher aus, lass dir diese Unsicherheit bloß nicht anmerken. Wenn meine Mama sieht, wie unsicher du bist und wie du mich auf Abstand hältst, dich sogar davor noch zierst, als wär ich ein bissiger Hund, dann wird sie traurig werden, weil sie einen bissigen Hund hat und keine Tochter. Also lass das lieber, ich werd ja früh genug verschwinden, schau, solange wie du bleib ich noch lang nicht wach, also lass das lieber.

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Gestern auf einem Bildschirm in der Stadt Ausschnitte aus einer Kochshow gesehen. Dabei schlagartig erinnert worden an das Unbehagen, das unweigerlich eintritt, wenn Starköche oder Entertainer wie Thomas Gottschalk anzügliche Späße mit ihren Gästen und Kandidaten abfeiern. Natürlich alles fürs Publikum. Man muss sich das mal überlegen: auf der anderen Seite steht da eine Frau, die so gar nicht weiß, wie mit der Situation umzugehen. Im besten Fall ist sie ihr nicht einmal unangenehm, sie weiß nur nicht was das soll. Du hast doch überhaupt keine Ahnung wer ich bin, raff dich doch mal, was geht eigentlich bei dir ab! - So muss das heißen.

Ich arbeitete ein Jahr lang in einer Einrichtung für Kinder und Mütter, zum Sommerfest wurde ein Klettergerüst aufgebaut, ein ziemlich hohes. Ich trug ein Kleid. Mein Chef meinte augenzwinkernd, ich solle doch auch hinaufklettern, dann hätten noch andere ihren Spaß oder sowas in der Art. Ich hatte mich bis zu diesem Zeitpunkt sehr professionell verhalten, Tatkraft und Verantwortungsbewusstsein bewiesen. Sogar ein bisschen Persönlichkeit und dieser Affenpriester labert mich so bescheuert an. Ich fragte ihn, ob er diesen Vorschlag in Gegenwart meiner Mutter wiederholen würde. Konnte mir einfach nicht vorstellen, dass ein Mensch sich dermaßen respektlos in Gegenwart desjenigen verhalten würde, der die jeweilige Person gefüttert und gewickelt hat. Ich war richtig verletzt und wäre auch durchaus beleidigend geworden, er guckte nur so erschrocken, dass ich unsicher wurde, ob meine Reaktion womöglich überzogen ausgefallen war. Andererseits bekam ich von einem Anrufer einmal ein Kompliment für meine Telefonstimme. Das schmeichelte mir. Natürlich sind diese beiden Ansagen von verschiedener Qualität. Der eine verschätzt sich komplett in der Form der Beziehung, in der wir zueinander stehen, ist außerdem locker Ü50, verheiratet und nicht gerade gebildet. Der Anrufer ist gesichtslos, unbekannt. Am Telefon kann er sich nun wirklich nicht einbilden, etwas abgreifen zu können, nichtmal Unsicherheit. Vielleicht ist er ein notorischer Charmeur, doch das spielt in diesem Moment keine Rolle. Ich registriere also ein Kompliment, während das andere eine absolut unnötige Anzüglichkeit darstellt. Dies mein verspäteter Beitrag zur #Aufschrei-Debatte.

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2011

Ich hänge zwischen Zeit und Gnade, vierzehn Stunden im Schlafwaggon, der sich nicht lüften lässt und ich wache immer nur kurz auf, die restliche Zeit verbringe ich im Halbschlaf. Die jahrelange Übung des stummen Herumliegens kommt mir zugute, es ist besser als Sitzen, besser als Gehen Stehen, im Liegen lässt sich am besten stumm vor sich hindenken. Ich lese nicht einmal. Die Gnade deswegen, weil ich liegen kann, die Krankheit tut gut, ich benötige den Schlaf dringend, soviel wird mir klar. Ich trage das ganze Bargeld, etwa 500 Euro, in meiner Strumpfhose, weil man nicht müde wurde mich zu warnen, vor den Diebstählen, die in so einem Zug an der Tagesordnung sind. Ungelogen. Der Schaffner kommt später und fragt, ob man etwas zu verzollen habe, keinen Alkohol? Würdest du für mich zwei Flaschen Cognac mitnehmen? Gerne, sage ich. Jeder Reisende darf insgesamt drei Liter Alkolhol. Unter der Polsterung sind massenweise Nestlé-Kaffee instant versteckt. Auf dem Rückweg sind die Verkleidungen voll mit Zigaretten. Wenn ich aufwache, sehe ich im kalten Dunst nur ferne Bahnhöfe, es ist fast nicht zu glauben, dass in diesem flachen unwirtlichen Land Menschen beschließen zu leben. 

26.1.18 16:10


"1943, Januar 15. Heute um 9 sagte man Anna und Lyda, dass sie mobilisiert seien, wir rafften zusammen, was unter der Hand, um 11 gingen sie los alle beide, ich bin wie betäubt und kann nicht einmal weinen. Um 2 aßen Ilse und ich, räumten auf und nun soll es neu anfangen, doch wie, ist mir unklar, ob es ein Wiedersehen gibt? Wo und wann? Ist es wie begraben. Ich weiß nicht weiter. Wie gut dass Ilse, die elfte, noch ist. Materiell geht es mit uns, wenn nichts passiert, noch ein Weilchen. Mariechen Federau ist mit 4 kleinen Kindern auch alleine geblieben. Gestern kauften wir für 300 Rubel Filzstiefel zu Sohlen, die Lyda unterwegs annähen soll. Annas Sohlen sind auch durch. Abram  Boschmann sehr bleich und mager. Von Oktober bis jetzt etwa 90 Eimer Kartoffeln verbraucht, nun reichen sie lang. Gestern reisten 10 Mädchen ab und heute sehr viele, es ist das fünfte Mal, 4 mal kamen sie zurück, bitter, bitter kalt, wo werden sie nächtigen?

1943. Januar, 16. Bei 40 Grad kamen Lyda auch Anna gestern wunderlich wieder zurück, wir sind es nicht wert. Heute, Januar 1960, da ich diese Blätter umschreibe, kann ich erzählen, wie es mit den vielen Mädchen wurde. Ein Teil starb dort an der Arbeitsfront, die älteren kamen nach einigen Jahren abgearbeitet zurück, die jüngeren fast alle heirateten dort Russen und Schwaben, was wenig Glück brachte. Ihre Kinder nicht wissen, wo sie hingehören."

25.1.18 22:57


Sommer 2014

Film 1 (21)

Film 1 (8)

Film 3 (11)

Film 3 (17)

Film 5 (3)

Film 5 (15)

Film 2 (10)

23.1.18 13:23


Mir ist, als haben wir eine Wüste betreten und wissen nicht, wie lang das Wasser reicht, noch wann die Wüste endet.
Das Mädchen wird wahrscheinlich wachsen und wachsen bis es so groß ist wie die Welt und größer. Schon jetzt streckt es seine Ärmchen am Morgen in den Abend hinein und wenn ich sie schlafen lege, bleibt mir selbst kein Schlaf. Das hungrige Ding!
 
 
12.1.18 00:04


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