Nachdem ich jüngst Joseph Conrads 'Herz der Finsternis' durchgelesen und so unendlich gern gelesen habe, lief nun, vielleicht zwei Wochen später, Apocalypse Now auf arte. Wenn man ewig lebte, ob man irgendwann von jedem Zusammenhang nicht nur gehört, sondern ihn erfahren haben würde und schließlich jedes Wort, das jemals gesagt wurde und jeden Blick, der jemals bedeuten wollte, ob man sie endlich an ihren Wurzeln zu fassen kriegte? Zumindest wäre ich dann sicher endlich einmal mit dem Ordnungssystem zufrieden. Seit Tagen räume ich herum, bringe Schrauben an, die ich zwei Stunden später wieder entferne und dann die Löcher zuspachteln muss, knüpfe wacklige Regalkonstruktionen, die Stunden aneinander, Karotte, Zucchini, etwas, einen kleinen Tropfen Öl nur, die Tage, die Tage. Vier mal bin ich vergangene Woche im Baumarkt gewesen. Die vielen Schrauben, Sperrholzbretter, Holz- und Messingstäbe, die breiten Gänge und der 1A-Fahrstuhl. Wenn man nur vorher wüsste, wie etwas auszusehen hat. Aber man baut sich ins Schwarze, wie man ins Schwarze hineinschreibt und wie es verschwindet, wenn man es löscht, wenn man es sein lässt. Es wuchert nicht zu, es wird nichtmal ersetzt, es ist fort.
19.9.17 22:29


Hinterher ist man immer schlauer, so sagt man doch, sie wird schon noch sehen, was sie davon hat. Gerade von ihr hätte ich das echt nicht gedacht! Und dann denkt man kurz nach und erinnert sich, klar, nein, gemerkt hat man schon was. Siehste, sagt man, hab ich es doch geahnt, ich habs nicht gesagt, aber da war so was, in ihrem Blick, vielleicht oder wie sie das eine oder das andere Wort betont hat. Falsch. Es war nicht ihr Blick und auch nicht wie sie sprach. Ihr Blick fügte sich wie ein geölter Reißverschluss zu all dem, was sie von ihren Erlebnissen zu berichten wusste. Ihr Blick. Etwas in der Ferne aber immer noch schrecklich verspielt, dann arglos zwar, aber doch ein wenig respektlos, unerschrocken, überrascht von den Fragen und der Wirkung, die ihre Antworten erzielten. „Hast du denn auch eine Entwicklung erlebt? Etwas, das sich irgendwie durchgezogen hat?“ Meine Frage zwang sie endlich in die Konzentration. Sie ließ vom Besteck ab, das sie vorher mit „oh und ach“ hin- und hergeschoben hatte, unterbrach das Kichern. „Hm. Ganz am Anfang kam einer, der hatte ein offenes Bein von einem Motorradunfall. Er ist zuerst zu einem Marabu – so einer, Hokuspokus“ sie warf die Arme in die Luft und veranstaltete ein Flattern, „– der hat ihm Asche in die Wunde geschüttet und weil es nicht besser wurde, hat er selbst Batteriesäure nachgekippt. Es sah echt schlimm aus, als er zu uns kam, aber so nach und nach, ja, und am Ende hat man schon, also schon noch was gesehen, aber es war nicht mehr so schlimm.“ "Batteriesäure?!" "Ja ja" „Und du warst echt bei so Geburten, einfach so dabei?“ Standard. „Ja schon. Die letzte, da war ich alleine. Es ging und ging irgendwie nicht vorwärts und die Hebamme also guckt nach und wird so ganz ruhig auf einmal und sagt, 'bleib du hier' und ich so: hallo? Bitte, jemand, hilft mir? Alles klar? Und die Frau musste dann aufs Klo und ihre Mutter ihr hinterher und dann rief sie mich schon und die Hebamme ist halt warmes Wasser holen gegangen und dann war ich alleine und dann hat sie mich zum Klo gerufen und dann kam es. Hier, ein Baby.“ „Und dann direkt so zu dir?“ „Ja, die hat mir schon gezeigt, 'du musst so mit den Fingern' und dann geht es ja.“ „Und die Frau hat geschrieen und alles?“ „Was? Achso! Nein.“ „Wie nein. „Das dürfen die nicht.“ „Wie, das dürfen die nicht, wieso?“ „Ich weiß nicht, ist halt so, die dürfen keine Schwäche zeigen oder so. Wenn da eine schreit, dann wird schon jemand kommen, der ihr was erzählt!“ „Ist das nur in der Station so oder allgemein, in der Kultur?“ „Schon in der Kultur, glaub ich. Ja schon. Verrückt oder?“ Dann kicherte sie wieder, zieht sich aufgekratzte Albernheit wie eine drollige Maske über das nüchterne Gesicht, driftet ab. „Ach und oh und ja, das war so lustig einmal, ich mein halt, ich red immer so schnell, ich weiß, ich muss ruhiger, ganz langsam. So!“

Mit ihr zu reden ist so anstrengend, dachte ich, man kriegt sie nicht zu fassen irgendwie. Was ich schon schwelen wusste, loderte kurz darauf als Lauffeuer durch die gesamte Familie. In den Flammen tauchte sie da und dort auf, gab gleich einer Erscheinung dies und jenes preis, immer nicht zu viel und auch in Widersprüchen. Ihr kindisches Gehabe ist eine ganz unwahrscheinliche Verbindung mit einem starken Willen eingegangen, mutmaße ich, der sich mit einer abgeklärten Kaltblütigkeit umgibt, die ihre Motive aufs Undurchdringlichste herunterkühlt. Wenn die Partnerwahl meiner Schwester nicht spektakulär genug gewesen ist, um skandalös zu sein, weiß L. sich zu helfen. Es ist keine Wahl, die sie trifft, denn sie ist nicht mehr, wer sie war. Sie bricht nicht aus, nicht mit Erwartungen und stellt kein Naturgesetz in Frage und doch hat sie, wie beiläufig, eine andere Persönlichkeit angenommen, sich eine neue Erziehung, einen neuen Wertekanon, eine neue Überzeugung zugelegt. Ihr Spektakel ist ihr Skandal ist ihre Katastrophe, die nur im klischeehaften Charakter so etwas wie Linderung erfährt. Sie kichert. Kichert, gleich einer irrgewordenen Göttin und lässt ihr Volk in Angst, in Wut, in ungewisser Hoffnung, bleich, ratlos, verwirrt, zurück. Es herrscht ein großer Wusel. Hat der schon mir ihr geredet? Konnte jener etwas ausrichten? Was hat sie gesagt? Was vorher in Zuversicht belächelt wurde, wird nach und nach gewiss. Wie weit geht sie? Doch so weit? Und wo ist sie? Fort. Fort, irgendwo, weggegangen. Und wieder steht ein Vater an der Tür, heult auf, heult los und die Schultern zucken zu den Ohren, wie sie es eigentlich nur tun, wenn er lacht. Da heul auch ich los und suche Mut: der Erkenntnis über die Täuschung und der Enttäuschung über die Irre, die wie Gewissheit aussah, ihnen wohnt etwas inne, etwas zutiefst Lustvolles. Dort, wo ein heimliches Haus verlassen in der Irre ruht, entsteht die Poesie. Was im Verborgenen verendet, zum Nichts verdammt, nur das, das muss man fürchten. Peinliche Narben, sowas gibt es nicht. Peinvolle Narben, ja, aber peinlich sind sie nie. Nur wenn die Irre zu einem Ort verkommt, der keine Sprache kennt, das ist der Wahnsinn in guter Garderobe. Ein Blick in den Spiegel genügt: ist meine Sorge bloß eine Hysterie? Ein blindwütiges Wittern einer unverhofften Gelegenheit der endgültigen Rehabilitation? Ein zweiter Blick genügt: es ist die Furcht, sie könnte mich von ihrem Glück überzeugen.

15.9.17 00:28


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September 2017
13.9.17 10:31


Als wir an jenem Sonntag vom Gottesdienst nach Hause kamen, es war kurz nach elf, eigentlich noch später Morgen und die langen Wochen der großen Sommerferien lagen vor mir, da hatte ich auf einmal einen neuen Bruder. Es war nie sicher, ob die beiden Brüder, die ich schon immer hatte, am Sonntagmorgen noch schliefen, das Haus bereits verlassen hatten, um uns nicht zu begegnen oder vielleicht gar nicht nach Hause gekommen waren. Die Chancen standen also gut: der Vater ruhte sich vor dem Mittagessen aus, die Mutter war mit dem Mittagessen beschäftigt, vielleicht würde ich selbst bis zum Mittagessen ungestört Fernsehen können. Zu dieser Zeit stand der Fernseher im Zimmer meines Bruders P., Dachgeschoss hinten links. Immer wieder schleppten meine Brüder einen dieser riesigen, altmodischen Apparate vom Sperrmüll oder sonstwoher an. Dann stand er vielleicht eine Weile im Wohnzimmer, in einem der beiden nebeneinander gelegenen Zimmer der Jungs oder im geräumigen Flur davor, der eigentlich selbst die Maße eines Zimmers besaß, bis irgendeine Sendung oder irgendeine Person, vielleicht Ulla von Sinnen, die Eltern aufs Neue dazu brachte, vor lauter Schreck und Abscheu, entgegen der eigenen Neugierde auf Fußball und Kriegsdokus und russische Romanzen vom VHS-Band, auf den sofortigen Abtransport zu bestehen.

Der Fernseher, der телевизор, war ein unsteter Akteur in meiner Kindheit, er ist es bis heute geblieben. Ich erwartete nicht viel von den heiligen drei Kanälen an jenem Sonntagmorgen, vielleicht würde ich noch ein paar Minuten der gestrigen „Wetten, dass..?“-Sendung mitbekommen oder Mr. President hatten einen Auftritt im Fernsehgarten. Leise drückte ich die Klinke der Zimmertür herunter, gewährte dem Schloss kein Spiel und brachte die Tür geübt, mit einem heftigen, doch kontrollieren Stoß zu einem Spaltbreit auf. Das Zimmer war abgedunkelt, hellrot brach das Tageslicht durch die dünnen Schlitze, die der geschlossene Rollladen ließ. Es stank nach Alkohol, nach Zigarettenrauch und diesem grässlichen Duft entfesselter, unzähmbarer Virilität. Die Hoffnung sank. Meine Augen gewöhnten sich an das Halbdunkel und ich sah die Gestalt meines Bruders in seinem Bett, in eine unbezogene Decke gewickelt, das Gesicht ganz nah an der Wand. Mit der diffusen Vorstellung, die ich von einer durchzechten Nacht und einer Schnapsleiche hatte, war mir klar: der ist erstmal hinüber, den kriege ich nicht weg, auch wenn ich ihn verpetze. Doch die Enttäuschung darüber empfand ich kaum, denn etwas anderes hatte meine Aufmerksamkeit auf sich gelenkt. Am Boden unter dem Fenster regte sich eine Gestalt unter dem fehlenden Deckenbezug meines Bruders. Ein dunkler Schopf machte Anstalten, sich ungelenk in meine Richtung zu drehen. Schnell zog ich die Tür wieder zu und setzte meine Beobachtung durch das Schlüsselloch fort. Da war er auf einmal: Vitali, oder Victor, irgendwas mit „V“ jedenfalls. Er kam aus der Ukraine. Über Freunde hatte mein Bruder ihn in einer Disco kennengelernt. Vitali wollte ein bisschen Geld verdienen in Deutschland und hatte nach einer Bleibe gesucht. Nach einer kurzen Vorstellungsrunde waren die Dinge klar. Mein Vater würde ihm einen Job für den Sommer besorgen und schlafen konnte er bei meinem Bruder. Man sah ihn nicht oft. Er kam sehr spät nach Hause, hundemüde vom Bau und war morgens zumeist schon fort. Die Sonntage verbrachte er auf dem Fußballfeld. Meine Fernsehabenteuer waren wie bisher nur von P. abhängig. Der ließ sich vom Arbeitswillen seines Untermieters nicht anstecken, bis auf das Zimmer teilten die beiden nichts. Tagsüber sah ich Vitalis Sachen durch. Unter seiner Matratze sammelte er seinen Verdienst. Eine riesige Summe und sie wuchs stetig an. Ich zählte gewissenhaft den Fortschritt und freute mich für ihn und seine Eltern und seinen kleinen Bruder, die, wie er erzählt hatte, in großer Armut in der Ukraine lebten. Ich malte mir aus, welche Freude es sein müsse, wenn er wieder einmal, ich weiß nicht auf welchem Weg, eine Summe hinüber sandte. Jedes Mal, so stellte ich mir vor, völlig aufgelöst und ungläubig in Worten der Dankbarkeit für die Chance, die man ihm gab. Ja, das ist schon sehr anständig von den Eltern, dachte ich.

Neben den vielen Geldscheinen, der hohen, wachsenden Summe, wie ich sie noch nie auf einem Stapel gesehen hatte, besaß Vitali nur einen weiteren persönlichen Gegenstand. Eine Art russischer Gameboy, groß wie eine Kinderhand, auf dessen Bildschirm ein Hase mit Hilfe von zwei Knöpfen hin- und her bewegt werden musste, um Eier einzusammeln, die vom Himmel fielen. Meine Schwester und ich wechselten uns ab. Vitali machte es nichts aus. So verging der Sommer. Ich stellte einen Rekord nach dem anderen auf und erreichte einmal eine Punktezahl, die mich schwindeln ließ. Ich befand mich in einem Zustand wilder Entrückung, nichts konnte mich aufhalten, es hagelte Eier und meine Augen zischten hin und her. Volle Konzentration. Die letzten fünfzig Meter der Doppelrunde auf dem Sportplatz. Endlich lösten sich die Füße vom Boden, der Atem drang wie selbstständig aus dem Körper und wieder ein, befreite die Lunge aus der Starre der Angst, der alles und immer bestimmenden Angst. Es hagelte Eier, schneller und schneller, ich setzte einen Fuß vor den anderen, ab ins Nirgendwo, die brennenden Wangen dem gleisenden Himmel entgegen, Augen zu, ich kann noch ewig so, ich spür ja gar nichts mehr, ein kurzer Blick auf das Elysion, da schon das nächste Ei, „E-lli! E-lli! E-lli!“, Andreas H. aus dem Gymnasium, der meinen Cousin kannte, gerührt von meinem Kraftakt, und auf einmal auch seine Klassenkameraden, feuerten mich an, ich zog vorbei an ihnen, an leeren Rängen aus Beton, an Stunden und Bedrängnis, rannte der Versöhnung entgegen, da brach ein Ei zu Boden. Ich schoss über die Ziellinie und mein Gewicht mir hinterher.

Der Sommer ging dahin. Wir schaukelten im Garten, rieben getrocknete Blätter zu feinem Pulver, das wir uns gegenseitig als Arznei anpriesen, sprangen vom Garagendach, kauften Kleidung für das nächste Schuljahr, 4. Klasse und Vitali fuhr wieder fort. Als Erinnerung wollte er unbedingt ein Foto schießen, auf dem die Stadt gut zu sehen wäre. Meine Schwester wusste so einen Ort. Er kaufte uns ein Eis, unten im Städtle, danach stiegen wir die bewaldete Seite des Tals, vorbei an der Burg, hinauf. Wir kamen höher und höher den Waldweg hinauf, doch nirgends öffnete sich das dichte Grün für einen guten Blick hinunter. „Wo ist denn die Stelle, von der zu geredet hast?“, fragte er und meine Schwester zuckte mit den Schultern, als wollte er von ihr wissen, wie man wohl von hier aus am besten nach Berlin käme. „Ich glaub wir sind schon vorbei.“ Zunichte! Mit diesem Satz: alles zunichte! All die Hoffnung auf ein gutes Foto, die Freude der Erinnerung und mit ihr die Gastfreundschaft und Hilfsbereitschaft. All das Gute, das er hier erleben durfte, das viele Geld, dachte ich, ganz elend vor Scham und Trauer. Doch so schlimm war es nicht. Am Abend bevor er fuhr aß er mit uns zu Abend und öffnete eine Flasche Sekt. Auch meine Schwester und ich sollten probieren zur Feier des Tages. In einer kurzen Ansprache dankte er meinen Eltern, die jeden Pfenning, den er zahlen wollte, ablehnten und ihn hier wohnen ließen, behandelten wie ihr eigenes, wie ein fünftes Kind.

Im Jahr darauf brachte mein Bruder kurz vor den großen Sommerferien ein kleines Kätzchen mit nach Hause. Er hatte es im Wald gefunden und einem Freund versprochen. Der wollte es beizeiten seiner Freundin schenken und bat um Obdach für das Kätzchen bis dahin. Es  war sehr klein und mager. Die Augen von gelbem Schleim ganz zugeklebt. Mein Bruder setzte es in seinem Zimmer ab, ich nahm mich seiner an. Ich wusch ihm die Augen mit lauwarmem Kamillentee aus und fütterte ihm Wasser. Kaufte ihm Katzenfutter, baute ein Klo mit Sand vom Sandkasten auf dem Spielplatz und rang meiner Mutter die Erlaubnis ab, es im Haus zu behalten, bis es eben wieder gehen müsse. Ich nannte das Kätzchen Findling und bildete mir ein, es erkenne meine Stimme und antworte mir mit seinem kläglichen „Miau“. In der ersten Ferienwoche nahm mein Bruder das Kätzchen wieder mit. Wäre es bei mir geblieben, wenn ich eindringlich darum gebeten, darauf bestanden hätte, dass man es mir lässt? Ich weiß es nicht. In meiner Erinnerung erschien mir die Fortnahme des Kätzchens selbst grausamer als der Abschied vom ihm. Also ertrug ich still, in großer ergebener Trauer die Grausamkeit meines Bruders und fand Trost und Gefallen an der Schuld, die er sich damit unbedacht auflud.

Einige Jahre später kam eine Karte aus Spanien. Sie war von Vitali. Um den Pabst oder ein Oberhaupt der griechisch-orthodoxen Kirche zu treffen, war er mit einer Reisegruppe im Bus nach Spanien gereist, hatte sich während einer Rast von der Gruppe entfernt und wohnte jetzt in einer Straße, deren Name sich sehr exotisch las. Ich stellte mir ein weißes Haus vor, dicke karminrote Ziegeln auf dem abgeflachten Dach und eine schmale Pforte, deren gusseisernes Tor im Schatten hoher Palmen auf einen Pavimento aus weißen, schimmernden Steinen führt. Auch an mich hatte er einen Satz gerichtet: wie sei es mit meinen Berufswünschen vorangekommen? Immer noch Kriminalkommissarin, Archäologin oder Astronautin? Und viel Glück dabei!

7.9.17 23:40


Da gibt es diese Werbung für ein Desinfektionsmittel, auf das ich wahnsinnig emotional reagiere. Wer kann es mir verübeln. Sie appelliert an die Mutter als heroische Leibwache. Die Bärin, die sich brüllend, mit vor Speichel triefenden Lefzen, vor der Gefahr aufbäumt. Ein knorriges Geierweibchen, das im Regen seinen Flügel über den kleinen Jungen breitet. Die Löwin, wie beiläufig wachsam, die mit geschmeidigen Gliedmaßen dem kleinen Mädchen eine kuschelige Bettstatt gibt. Mütter, so die Werbung, haben den besten Instinkt für Wohl und Gefahr. Sagrotan hilft. Da möchten mir die Augen übersprudeln. Das suggerierte Selbstverständnis der mächtigen Ma, der allahnenden und instinktiven Mutter, einer übernatürliche Kraft, wo Wille und Wunsch nahtlos in Tat und Geschehen übergehen. Es ist ein emotionales Blendwerk, das umschmeicheln und erheben soll und doch nur den schalen Dunst eines unerfüllbaren Anspruches verbreitet. Denn ich kann nur, was ich kann. Gewiss bin ich kein Plüschhase und kein Entchen, doch es tragen mich auch keine schwarzen Schwingen, mein Körper hält sich selbst gerade stand, ich kann nur wachsam bleiben, solange ich wachen kann. Mögen Wunsch und Wille auch rein und ausschließlich sein, da ist genug, das ich nicht sehe, nicht erkenne, nicht abwenden kann und Instinkte, die habe ich nicht. Vielen Dank, Sagrotan. Ich lasse das Kind nicht alleine in der Wohnung zurück, ich tröste das Kind, wenn es nachts mit einmal weint, ich achte auf seine Temperatur, seine Windel, auf Hitze und Kälte und ob es Hunger hat. Sein Wohl ist mir ein physisches Bedürfnis, doch über das Maß des Möglichen reicht meine Kraft nicht hinaus. Ich kann und muss, soweit ich kann.

Ich beklagte mich spaßhaft über die fehlende Unterhaltung beim Stillen, da die privaten Sender nach einer dreimonatigen Freischaltung nun nicht mehr kostenlos empfangbar sind. Man riet mir, statt mich währenddessen seicht zu unterhalten, ich doch lieber meine Wünsche und Gedanken übertragen solle. Ich dankte nachsichtig für diesen Vorschlag und freute mich heimlich in eine bissige Antwort hinein: den will ich sehen, der nach vier Monaten andauernder Rufbereitschaft für halbstündige Stillsessions im Stundentankt noch vernünftige Wünsche und Gedanken zustande bringt. Ich jedenfalls bin bei der Hoffnung auf Sinn für Mode und dem Wunsch für einen grünen Daumen angekommen.

18.8.17 09:52


Vor einiger Zeit unternahmen die Kleine und ich eine Wanderung. Wir nahmen den Bus zu jenem Platz, von dem aus eine Bahn in südlicher Richtung steil den Berg hinaufgeht und so den dampfenden Kessel mit umwehter Höhenlage verbindet. Dort oben thronen die herrschaftlichsten Anwesen. Ihr Ausblick geht zur einen Seite über das flimmernde Meer der Häuserdächer, zur anderen Seite hin öffnet sich ein bewaldetes, überwuchertes Tal wie der Eingang zur Hölle, dessen Wände an den steilsten Stellen nach oben hin von Weingärten durchzogen sind.

Entlang der wunderbaren Häuser, das Tal zur Rechten, verläuft die Straße, von der ein Weg abgeht, der in den Wald abführt und dort hindurch zum größten Friedhof der Stadt. Es ist eine alte Anlage, große Flächen haben ihren Besitzer längst verschluckt und liegen brach unter jungem Rasen, hungrig im Schatten großer Eichen.

Nur wenige Spaziergänger begegnen uns, ältere Damen mit ihren Hunden und ein einsamer junger Mann mit verdrieslichem Gesicht. Auf dem Parkplatz vor dem Friedhof parken einige wenige Fahrzeuge, die Ebene scheint menschenleer. Das Mädchen im Wagen wacht auf und ruft kläglich, weil ich es nicht sogleich herausnehme. Ich will eine Bank im Schatten suchen, auf der ich mich setzen und ihr zu trinken geben kann. Einen Augenblick später nur höre ich von einem der vielen Pfade, die vom Weg abzweigen, her den Ruf einer Frau: "halt!", schon sehe ich einen großen Hund, beinahe ein wollenes, dunkles Kalb auf uns zutraben, aufgeschreckt vom Weinen meines kleinen Lieblings. Der Hund hört nicht und kommt näher. Er eilt nicht, setzt tänzelnd und nachlässig die Pfoten voreinander, gleich einem Raubtier, das seine Beute in der Falle weiß. Ergeben stelle ich mich vor den Wagen und breite die Arme etwas zaghaft aus. Ob ich ihn erwürgen und erschlagen kann, bevor er mich wehrlos gebissen hat? Ich nehme dieses Schicksal an. Von der Besitzerin immer noch keine Spur, doch als sie ein weiteres Mal ruft, ist er auf fünf Meter an uns herangekommen. Da, endlich macht er Halt, zögert nicht, als sei ihm im Grunde alles einerlei und trabt davon. Mit geballter Faust fluche ich ihm lautlos hinterher.

Wir überqueren den Friedhof. Mir fällt ein Grab ins Auge, das durch vier Zeltstäbe von einem weißes Tuch überspannt ist, als sei ein Archäologe am Werk. Wahrscheinlicher als eine Ausgrabung jedoch ist eine Eingrabung.

[...]

 

16.8.17 12:04


Nachtrag

E. warf mir später die Eskalation seiner angelegten Konzentrationsschwäche vor. Der Schreck von damals habe ihm nachhaltig zugesetzt. Ich hatte ein schlechtes Gewissen. Das letzte Mal, das ich ihn traf, zufällig an der Tankstelle, es ist sicher neun oder zehn Jahren her, kam er eben von seinem Jahr beim Bund zurück. Er hatte sich die Augenbrauchen piercen lassen und erwog eine mehrjährige Verpflichtung. "Wie sagt man", sagte er, "Krieg is' scheiße, aber der Sound is' geil."

10.8.17 11:21


2.

Wir huschten aufgeregt über Schleichwege hinunter in Tal. Durch die Unterführung und rechts am Bahngleis entlang, erreichten wir den Bahnhof. Menschenleer und hell-erleuchtet lag er vor uns. Ein Stück hinter dem Bahnhof lief die Stadt in wenigen Mietshäusern und den Anlagen einer großen Gärtnerei aus. Danach nur noch eine leidlich asphaltierte Straße zwischen Bahngleis und Fluss. Auf halber Strecke hinaus endete die Beleuchtung, vor uns lag der Weg von einem Kilometer im Schwarz der überhängenden Äste der Bäume zu beiden Seiten. Die Geräusche des Tages, das Mähen, Klappern, die Arbeit der Landmaschinen und Abrissbirnen fand sein Echo im Strom des Flusses, dessen Rauschen uns bei Nacht als Tosen erschien.

Wir passierten die Gastankstelle und sahen in der Ferne, über die Gleise hinweg das hohe Gebäude der BAG. Nachts war es weniger unheimlich als am Tag, wenn in Reihen und Zeilen die viel zu kleinen schwarzen Fenster wie Schießscharte aus Kriegen einer vergangenen Zeit die Gebäudewand durchmaßen. Dort werden Menschen in einer alten Zeit festgehalten, eingesperrt, dachte ich als Kind. Grausamkeit war wohl existent, nahm damals in meiner Vorstellung von der Gegenwart jedoch keinen Platz ein.

Schließlich erreichten wir das Gemeindehaus. L-förmig lag es an der Straße. Dahinter eine weite Feldwiese, der Fluss und weithin kein Licht. Die Großen, das wussten wir, saßen im Zimmer mit dem weißen Polstersesseln, das zur Rückseite des Hauses hinausgeht. Wir schlichen also an der Hauswand entlang, immer dort, wo uns der Bewegungsmelder der Außenbeleuchtung nicht erreichen würde. Die Rolläden der bodentiefen Fenster waren ganz heruntergelassen, doch durch die Ritzen drang Licht. Ein Eindringen ins Haus war nicht möglich, sie hatten gewiss alle Türen verschlossen. Um auf uns aufmerksam zu machen, rüttelten wir an den Rolläden und rannten kreischend vor Irrsinn davon. Zu diesem Zeitpunkt, so dachten wir, hätten sie uns längst im Verdacht und wollten den eigentlichen Grund unserer Expedition, den großen Schreck, bereits aufgeben, da gingen im vorderen Teil des Hauses, in der großen Vorhalle, dort wo das L seinen Knick hat, die Lichter an. Wir beratschlagten, ob wir uns einfach wieder aus dem Staub machen sollten, da kamen sie, alle fünf sehr nahe an die große gläserne Eingangstür. Sie blickten sehr deutlich in unsere Richtung. Wir standen im Halbdunkel der Außenbeleuchtung, zwischen Büschen, am Ende des kürzeren L-Striches und hielten uns die Bäuche vor Aufregung. Aufgehuschte Insekten warfen im Flug um die Lichtquellen über der Eingangstür hektische Schatten an die Hauswand. Ich ging kurzeschlossen zu Boden, die Taschenlampe auf mein Gesicht gerichtet und kroch so, halb auf allen Vieren, über den gepflasterten Vorplatz der gläsernen Eingangstür zu.

Erst jetzt wurde ich der Vorgänge hinter der Glasscheibe gewahr. Während E. in Panik sich um seine eigene Achse drehte, wild mit den Armen rudernd sich für keinen Weg entscheiden konnte, als würde er am liebsten in sich selbst verschwinden, Zuflucht suchen in sich selbst, hatten die anderen Drei das Weite gesucht. Wie jemand, der von der Tatsache seines eigenen Unglücks überwältigt, neugierig sein Unglück kennenlernen mag, stand D., mein Cousin, vielleicht auch strategisch planend, bewegungslos vor der Glastür, seine Hände in den Hosentaschen vergraben. E. wieder, schrie entsetzliche Würgelaute. Sofort richtete ich mich auf, ruderte entschuldigend mit den Armen und bemühte mich, meinen Körper, die Tatsache meines menschlichen Wesens, meiner Berechenbarkeit und Harmlosigkeit zu erklären und näherte mich weiter vorsichtig der Tür. Da, endlich, ging auch das Hauptlicht an und meine Gestalt stand im gnadenvollen Licht des Erkennens. Der Schreck, den mein Gesicht als das Abbild des Bösen und der Bedrohung auf die Gesichter meiner Opfer geworfen hatte, kam so heftig zu mir zurück, dass ich mich unweigerlich umblicken musste, ob sich nicht eine noch viel grässlichere Gestalt hinter mir, wie ein Schatten aus der Dunkelheit ins Licht geschlichen hätte.

Als der Schreck sich eine halbe Stunde später etwas aufgelöst hatte und wir einander wieder in die Augen sehen konnten, berichtete man uns, dass vor einigen Stunden eine Warnung im Radio ausgegeben worden war. Zwei verurteilte Straftäter waren aus einer Haftanstalt ganz in der Nähe ausgebrochen. Sie mussten als gewalttätig eingestuft werden.

 

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8.8.17 15:12


1.

Dieses geschah an einem warmen Sommerabend im jungen, neuen Jahrtausend. Wir saßen wahrscheinlich auf dem Balkon im Obergeschoss auf dem ausrangierten Sofa und hatten die Beine über das Geländer gelegt. Wir, das waren meine Cousinen A. und O. und ich. Uns war langweilig. Zwischen den Sprossen beobachteten wir, wie der Horizont über dem Tal nach inniger Glut langsam verblasste, sich blau und schließlich dunkel färbte. Die Großen hatten uns nicht mit ins Kino genommen. Aus dem Alter, in dem man mit Puppen spielt, waren wir längst heraus. Auch Monopoly und Phase 7 interessierten uns nicht. A. hatte nach dem Abendessen begonnen, uns mit den Schminksachen meiner Schwester anzumalen. Sie hatte vor den Sommerferien in der Maske für ein Schulmusical mitgewirkt und dabei echte Fähigkeiten entwickelt. O. schminkte sie hübsch und mir malte sie eine rohe Maske ins Gesicht. Als sie fertig war, lagen meine Augen tief in dunklen Höhlen, Stirn und Wangen glänzten weiß, der Mund war weiß übermalt, lautlos und blutleer und jagte den beiden und selbst mir im Spiegel einen Schrecken ein. Im Erkennen der eigenen Züge als Gerüst der fremden Fratze wurde das Böse leibhaftig. Meine Haut unter der Schminke spannte unangenehm, ich gab den Tag auf und war schon auf dem Weg ins Badezimmer, um das Gesicht zu waschen und die Zähne zu putzen, doch beim Anblick meines Gesichtes im Spiegel erschien mir das als Verschwendung. Wir wussten, dass sich die Großen nach dem Film noch im Gemeindehaus zusammensetzen, Tee trinken und einfach besonders sein wollten, das heißt: ohne uns. Vielleicht eine Schnapsidee aber wir betranken uns an ihr und tranken uns Mut an. Der Beschluss verlieh uns ungeahnte Freiheit. Wir waren zu dritt, wir hatten Beine, Füße, Augen und die Distanz, die asphaltierte Straße ein ganzes Stück aus der Stadt heraus, am Fluss entlang, schrumpfte. Wir kannten den Weg am Tag, wir mussten nur das Tor zur Nacht aufstoßen. Kaum eine ganze Stunde nahm der Weg in Anspruch. Das musste es wert sein. A. malte mir roten Lippenstift auf die Zähne, das Resultat machte jeden Zweifel hinfällig. A. und O. wagten nicht, die Augen von mir zu lassen, als bestünde die Gefahr, dass mein Gesicht sich in einem unbeobachteten Moment über mich selbst hermachen würde. Wir organisierten Taschenlampen und marschierten zu. Der kindische Charakter unserer Absicht interessierte uns nicht mehr. Wir würden sie erschrecken, wie sie noch nie erschreckt worden waren.

17.7.17 23:20


Träume von einem Zimmer in der Wohnung, das wir scheinbar vergessen und lange nicht betreten haben und doch liegen da frische grüne Trauben auf einer Anrichte. Außerdem beobachte ich, wie ein Typ sehr offensichtlich dem Mann nachglotzt. Ich nähere mich ihm von der Seite und raune mit großem Vergnügen an dieser gewissen Attitüde: "vergiss es, der gehört mir!" Offenbar häufe ich Besitz an. Außerdem erinnere ich mich an einen Traum, der vor einer ganzen Weile geschehen sein muss. Vielleicht ist er aber noch ganz nah und es schwemmte ihn unter falscher Flagge an die Oberfläche meines Bewusstseins. Mir sind keine Handlungen im Sinn, bloß die Kulisse, die mehr Bedeutung als Bild zu sein scheint: jenen Fluss, den ich in meiner Kindheit so oft entlanggelaufen bin, befahre ich auf einem großen Floß mit Mast und weißer Flagge.

Es ist ja sehr naheliegend und alles andere wäre beunruhigend, dennoch wohnt ihnen ein unglaubliches Wunder inne: ihre Funktionen, ihre Reflexe, ihre Entwicklung. Die einegrollten Zehchen, das Saugen und nun das Spielen. Es ist so erstaunlich, dass man die Banalität, die schon bloß durch die - möchte man großzügig untertreiben - Häufigkeit sich ergibt, kaum fassen kann. Es ist ja auch alles so unendlich niedlich. Ich bin ein Sklave.

 

7.7.17 10:06


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