Mir ist, als haben wir eine Wüste betreten
und wissen nicht, wie lang das Wasser reicht,
noch wann die Wüste endet.
Das Mädchen wird wahrscheinlich
wachsen und wachsen
bis es so groß ist wie die Welt und größer.
 
12.1.18 00:04


Wie die kleine R. in ihrem Schlafanzug auf dem Tresen der Hotelrezeption sitzt, zwischen Kunstblumen und Landkarten, das Haar vom Schlaf noch ungekämmt, der Mund mit Zahnlücken voll, im Heulkrampf erstarrt und die Augen im Wasser, da schwimmt in diesen Augen, den blauen Kristallkratern, in sauber ausgefrästen Gipfeln je ein tiefes Loch und darin wohnt zwei Mal das glatte schwarze klare Nichts. Da wohnt der страх [strax].

Heute sind es die abreisenden Gäste, wir kommen doch in einem Monat wieder! und gestern wars das Auto der Familie, es ist schon alt und wir brauchen ein neues, jetzt wein doch nicht, schau doch, wie schön das neue ist!, aber sie will es nicht hergeben, sie will sich nicht verabschieden und sie glaubt nicht an die Zeit, ans Vergessen und dass sie Wunden heilt und all diesen Blödsinn, den die Leute plappern. Der страх, der weiß es besser. Wenn im Dunkeln die Pforten seiner Heimstatt sich weiten, dann kehren auch грусть und тревога heim, Jahre und Jahre und Zeit um Zeit zu Bündeln gezurrt, auf ihre Buckel geschnallt, schleppen sie an, was im Licht und anständig zurückgelassen wurde oder am Wegrand achtlos liegenblieb. Der Abschied ist immer noch schwer, der Schmerz ist immer noch da, Vergessen unmöglich, eine Lüge, keine Tugend, bloß eine Täuschung. Der STRACH, der weiß es besser und sie ist klug und hört auf ihn und bleibt also untröstlich und macht sich nicht gemein mit den Heuchlern, die sagen: ist eh besser so und heult und heult, weil sie ja sonst nichts kann. Sie kann den Schneeschmelz nicht aufhalten, sie kann die Gäste nicht bewirten, sie kann das Auto nicht kaufen, denn sie ist schließlich noch ein Kind. Und könnte sie es kaufen, wäre es ihr doch zu groß und wohnte sie in ihm, bald würde sie erfrieren.

Doch was der Strach ihr abverlangt, das bringt sie ihm zum Opfer: noch Jahre später durchsucht sie die Verkaufsanzeigen, sucht nach dem schlecht vernähten, großen Riss auf dem Polster der Rückbank, fühlt unter alten Zeitungen und leeren Zigarettenschachteln nach der Naht. Sie sucht in Parkhäusern nach Spuren jener Dellen, die blieben, wenn sie das Fahrrad in der Garage am Wagen vorbeischob, sich Mühe gab, ihn nicht zu berühren und doch, entweder die Lenkstange, das Pedal und manchmal auch sie selbst, irgendwo dagegenschlug. Sie kennt noch den Geruch des schwarzen Lederimitats und hört noch die Stimme aus dem Autoradio, die wie durch Regenrauschen zu ihr, nur zu ihr sprach. Die Armbanduhr im Handschuhfach, zum Schlafen abgelegt, das Ziffernblatt gesprungen, der hohle Motorraum, der volle Tank, obwohl die Tankanzeige blickt und ihre Bilder auf der Rückseite der Vordersitze. Sie sucht auf Schrotthalden nach seinen alten und neuen Besitzern und schnappt noch heute nach dem Atem, der in einer Vollbremsung ihr aus der Lunge quoll. Flehend schweben ihre Arme, haltlos über hängenden Schultern, sie schnappt nach Luft und kriegt sie wieder, als Kind, das ist der Preis und der Lohn, auf dem Tresen der Rezeption, zwischen Landkarten und Kunstblumen, der Schnee taut, die Gäste reisen ab.

6.1.18 11:51


Ich weiß, das war das Fest der Liebe und alles, herzlichen Glückwunsch zu Weihnachten btw, aber - ich h a s s e Diane Keaton, wirklich, und - ich bin nicht alleine.
27.12.17 13:02


Sie war kaum dort, da wurde alles schon schnell abgewickelt, so wird gesagt. LU ist so schön und glücklich, ihr Mann hält sie um die Hüfte und sieht aus wie eine Schablone. Aber das ist nur der Eindruck, niemand kennt ihn. OT ist sehr aufgebracht, weint nur und kriegt Migräne davon. Ich grüble nächtens, vergesse sie auch. Es steht bevor die große Entfremdung. Ich hab sie einmal schon gesehen, in Kopf und Rumpf und Beinen ist sie gerade acht Jahre groß und schwer wie der Spann zwischen den Flügeln der Taube geworden, weinte auch, zwei Tage lang, und tobte und wartete seither und ahnte ja nicht, wo sie sich schließlich wieder zeigen würde.
23.12.17 15:33


"1971, November, 28. [...] Schöner Herbst. Um Sophiechen die größte Sorge. Ja die großen Kinder, die sich nichts sagen lassen wollen und selbst noch ganz unreif im Leben sind – es ist kein Kleines. Wie Sophie sich so verändert hat. Als treiben sie viele bösen Mächte und schlagen alles bessere Empfinden in ihr zu Tode. Oder ist das Studium neben der Arbeit wirklich zu anstrengend! Alles wird teuer und knapp. Milch und Fleisch sehr schwer zu erlangen. Auch Kartoffeln."
14.12.17 11:54


"1942, April. Gestern von Heinz Briefe, dass er nach sehr schwerem März nun etwas leichter. Lyda arbeitet alle Tage draußen am Traktor ohne Verdienst. Anna und ihre Klasse haben eine Woche Ferien. Wir tauschten heute für 2 Teegläser 5Gl. Salz ein. Wir können ohne Fußzeug, das wir nicht haben, nicht aus unserer Burg am Ende des Dorfes heraus, des Wassers wegen. Der Tag sehr lang, gehen bei hell zu Bett. Ilse meint sie hat es herrlich. Holz hacken, das Wasser in den Kanälen, die sie im Schnee gegraben, treiben, lesen und von einer Mahlzeit bis zur anderen hin warten, ist ihre Beschäftigung. Lyda war im Feld, ist noch zu nass. Heute Brief von Kolja (Akjtubinsk-Rudnik). Heute kochen wir das letzte Fleisch, im November geschlachtet. Kartoffeln kosten 40 Rubel das Pud."

14.12.17 11:30


Mutter sagte sinngemäß, auch wenn EA in die Zukunft hätte sehen können und sie also um die fatalen Folgen ihrer Entscheidung gewusst hätte, würde sie nicht anders gehandelt haben. Es ist zu klären, ob sie sich in der Lage wähnte, den vorhergesagten Verlauf zu verändern oder bereit war, ihn anzunehmen und zu ertragen. Diese Überlegung zog mich weiter, tiefer in ein schwarzes Loch, sie nährt den Verdacht, man könne sich seinem Schicksal zwar entziehen, es aber nicht verändern. Die Unausweichlichkeit, die um LU ihr Netz gesponnen hat, bestärkt mich in diesem Verdacht. Sie muss mich nicht von ihrem Glück überzeugen, dachte ich, sie hat mich längst von ihrem Unglück überzeugt.
11.12.17 12:14


Nach dem Abendessen steht die Sektflasche immer noch im Kühlschrank. "Jetzt haben wir sie ja doch wieder nicht aufgemacht!", sagt der Mann. "Manchmal reicht schon die Aussicht," sage ich und winke ab. Mir fällt nichts anderes ein.

Wir haben SK kennengelernt, spät, auf dem Weihnachtsmarkt. Er war betrunken und sehr kommunikativ, aufgedreht, beinahe euphorisch, schenkte dem Kind viel Beachtung. Man sieht nur ihr Näschen und die Augen aus dem Schal herauslugen. Dann lächelt sie bereitwillig. Er demonstriert eine Vertrautheit die weit über jede Nervosität hinausgeht. Optisch ist er Jürgen Vogel mit guten Zähnen, wir sind alle keine Fünfundzwanzig mehr.

 

11.12.17 11:51


Vorige Woche war J. zu Besuch. Trotz der Berichte über seine Erlebnisse als junger und mittlerweile dreifacher Onkel, in denen Entrüstung und Ermüdung in drolliger Eindeutigkeit seine uneingeschränkte und liebevolle Zuneigung verraten, trotz des ganz ungeheuchelten Interesses an unserem Kind und der Fragen nach unserem Ergehen ist der Mann sich sicher: J. hat sich nicht verändert. Und ich stimme ihm zu, bloß - woher oder wovon hat er sich nicht verändert. Er ist immer noch der wohlerzogene Snob, das engagierte Arschloch. Der Fehlbetrag als Summe seines sichtbaren Wesens besteht weiterhin, das alte Rätsel seiner moralischen Grenzpunkte rutscht aus der Wiedervorlage: der heimwehkranke Soziopath. Daher rührt überhaupt die Erkenntnis: er hat sich nicht verändert. Die Dissonanz ist in ihrem Ausmaß immer noch nicht fassbar. Er ließe sich wahrscheinlich für fremde Überzeugungen kreuzigen und fände nebenher noch dreckige Worte für seine Frau. Ein zugefrorener See, dessen Eisdecke, blank und klar, keinen Zweifel von der Schwärze und Kälte seines Innersten lässt, sich aber fest und dick genug für einen Jahrmarkt der kostenlosen Herzlichkeiten gibt. Mir egal. Ich gucke interessiert hinunter, die Schwärze ängstigt mich nicht und verunsichert mich nicht mehr. Ich werde ihm ja ohnehin nie auf den Grund kommen, warum also den Kopf zerbrechen oder Entscheidungen fällen.

Anderntags holte uns S. mit dem Wagen ab, wir fuhren nach H. und besuchten O., die im nächsten Jahr nun sicher das Land verlassen wird. Später bestätigte mir S. meinen Eindruck von O. Sie gibt lieber eine vorsichtige oder negative Einschätzungen der Gegenwart oder Zukunft ab, als sich auf Zuversicht oder den positiven Schein der Realität einzulassen. Entweder hat sie einen fragwürdigen Respekt vor Veränderungen oder ich bin übermäßig bedürftig was Harmonie und Auswege angeht. Wie geht es bei D.? Fragte ich, sie atmete schwer: seht selbst. Wir fuhren gemeinsam zu seinem neuen Haus. Ich schilderte es später als beeindruckend modern und großzügig. Die Raumaufteilung erscheint sinnvoll und doch verspielt, etwa der Rundlauf zwischen Wohnzimmer und Küche. Aus den bodentiefen Fenstern im Wohnzimmer geht der Blick einen Hügel hinauf bis zum Waldrand. Es ist das letzte Haus in einer Sackgasse, die Hinterseite in den Abhang gebaut, daher die hohen Decken, das letzte Haus im Tal. Dabei habe ich den Schatten verschwiegen: es ist großartig für die Kinder und einsam, verloren. Hinter dem Haus beginnt der dichte Tannenwald. Im Erdgeschoss heizt ein Ofen, der nur vorübergehend war und sich die Zeit erschleicht, das knöcherne Herz eines Ungetüms, ein ehemaliger Fabrikofen, ein Fund, kahl, verklebt von grauem Zement. Steil hinauf geht es über die schmalen Bretter der Treppe aus rauem Bauholz. Jene Treppe aus düsteren Träumen, die man zwar hinauf, aber nicht wieder hinunterkommt. Ins obere Geschoss führt eine Leiter. Eine Leiter! Es ist das Haus mit den fünf Töchtern. Die jüngste, Abigale, hat ein Geheimnis.

5.12.17 14:10


Was an einer Mauer möglich ist: man klettert hinüber, auf der einen Seite hinauf und auf der anderen hinunter oder man balanciert auf ihr und fällt mal links, mal rechts hinab, schlägt sich die Knie blau und rappelt sich wieder auf, man kann ihr den Rücken kehren und lebt sein Leben fortan im Laufschritt tiefer und tiefer ins eingemauerte Land hinein oder aber man tüncht sich eine Tür in die Mauer und läuft einfach so hindurch, die Erde, den Staub, das göttlich Licht der Heimat noch an den nackten Sohlen. Dies Künststück ist L. gelungen. Stolz läuft sie da herum, jenseits der Mauer und trägt die entwendete Deutungshoheit wie eine Monstranz vor sich her. Der Abfall wird zur Heiligung, die Rebellion zur verordneten Katharsis. Die Ereignisse, auch um D., stehen zeitlich in Zusammenhang und verlangen verführerisch nach Deutung und Lektion. Ein gedeckter Tisch für den gewissenlosen Schriftsteller, der andere verhungert. Was an einem gedeckten Tisch möglich ist:
24.11.17 23:32


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